Ich wollte schon lange wieder etwas posten, einen Postkartenkrimi. Der ist längst geschrieben, aber dann ist in den letzten Wochen so viel passiert in der Welt, dass mir der Krimi nichtig und nichtssagend vorkam. Gerade in den letzten beiden Wochen haben sich die Ereignisse überschlagen und ich habe immer mehr das Gefühl, dass die Welt verrückt geworden ist. Oder ich.
Ich konnte das nicht ignorieren und einfach irgendetwas Alltägliches posten. Und dann habe ich hier auch noch eine lange Liste von Ereignissen der letzten Zeit, die mich in irgendeiner Weise bewegt haben, von denen ich aber noch nicht weiß, ob und was ich dazu sagen will. Man hat nicht zu allem, was einen bewegt, wirklich etwas zu sagen.
Der Mord an George Floyd und die Ereignisse und Reaktionen, die folgten, haben mich sprachlos gemacht. Auch wenn weder meine FB-Seite noch mein Instagramprofil schwarz wurden. Einfach nur ein schwarzes Bild zu posten war für mich nicht stimmig. Es hätte nichts von dem ausgedrückt, was in meinem Kopf war.
Gestern habe ich den Mut gefunden den Versuch zu starten ein wenig von dem, was mir durch den Kopf geht, in Worte zu fassen. Herausgekommen ist ein neues Poetrystück. Vielleicht versuche ich demnächst auch ein paar der anderen Ereignisse mit Worten einzufangen, mal sehen.
Auf alle Fälle hoffe ich, dass nicht wieder alles im Sand verläuft, wie schon so oft, dass sich etwas verändert in unseren Köpfen, in uns und in dem, wie wir mit uns, unseren Mitmenschen und der Welt umgehen. Es gibt so viel zu tun, wann fangen wir an?
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Dienstag, 9. Juni 2020
Dunkler
Labels:
Gedankenblitze,
Leben?,
Nachdenkliches,
Poetry
Sonntag, 15. April 2018
Künstlerische Freiheit
Die Diskussion um die Echonominierung dieses Jahr hat mich nachdenklich gestimmt. Ich habe mir Campinos Rede bei der Verleihung auf Youtube angesehen und auch die Reaktion von Kollegah und Farid Bang, einschließlich der Kommentare unter beiden Videos. Anschließend habe ich mir viele der Texte von „Jung Brutal Gutaussehend 3“ durchgelesen und Stichprobenhaft jeweils ein paar Lieder der CDs der anderen Nominierten aus der Kategorie Hip-Hop/Urban National. Dabei habe ich gerade mal bei zwei CDs keine frauenverachtenden Statements in den Texten gefunden.
Mittwoch, 30. März 2011
Wer wir sind...
Gib mir mehr Wein! Denke ich und strecke meine Hand nach der Flasche aus. Dabei ist meine Zunge doch jetzt schon schwer.
Worte – so viel was ich Dir sagen wollte, aber mein Kopf ist leer. So viel, was ich nicht sagen will, doch meine Zunge badet im Wein.
Egal! Ich grinse breit zu Dir an das andere Ende des Tisches, die Flasche fest in der Hand. Willst Du auch noch einen Schluck? Komm, Junge, trink! Vergiss Morgen! Was zählt ist das Jetzt, darauf lass uns die Gläser heben! Ich schenke Dir nach und lächle Dich an. Dein Blick fängt meinen ein. Für eine Sekunde hört mein Herz auf zu schlagen. Im nächsten Augenblick lache ich laut auf. Noch ein Wimpernzucken und fort ist Dein Blick.
Auf Dein Wohl, mein Freund! Mein Freund? Jetzt liegt mein Blick auf Dir. Mein Freund? Was weiß denn ich wer Du bist? Und was weißt Du schon von mir? Versuche in Deinen Augen zu lesen. Mich in Deinen Augen zu spiegeln. Jetzt bist Du es, der lachend mit der Wimper zuckt. Klirrend stoßen unsere Gläser aneinander. Im Kerzenschein sehe ich, dass nicht mal Dein Glas sich in meinem spiegelt. Ach, egal! In einem Zug leere ich meines. Hebe die Flasche – willst Du auch noch einen Schluck? Lass uns noch einmal die Gläser füllen! Schließe kurz meine Augen in der warmen Umarmung des Weins. Öffne sie und lächle zu Dir hinüber. Was bleibt nach so einem Abend? Ich kann ihn schon schmecken, den schalen Geschmack des Weins, morgen früh, wenn Du längst wieder fort bist. Aber wir sind jetzt! Und wir sind hier! Heute Abend lass uns trinken und feiern als wäre es das Letzte, was wir jemals tun würden. Als gäbe es kein Morgen. Einfach nur so tun, als würden wir uns kennen.
Auf Dein Wohl! Und auf das Meine!
Donnerstag, 7. Oktober 2010
Regen
Im schnellen Takt peitscht der Regen auf die Straße. Das leise Knarren der Tür ist im Prasseln des Wassers fast nicht zu hören. Aber der Lichtstrahl, der sich aus dem warmen Inneren des Hauses seinen Weg nach draußen sucht, ist deutlich zu sehen. Er verliert sich schon nach wenigen Metern in der Schwärze der Nacht. Eine rundliche Gestalt tritt ins Freie. Wie eine sanfte Umarmung legt sich die Dunkelheit um sie und schützt sie vor neugierigen Blicken.
„Ich liebe den Regen!“, das tonlose Flüstern verliert sich rasch.
Das Gesicht dem Himmel zugewandt findet das Wasser immer neue Wege auf Haut und Haaren. Kleine Rinnsale verbinden sich zu großen Strömen bis schließlich alles nass ist.
Im Regen kann niemand Deine Tränen sehen.
Es gibt Schmerzen die zu stillen all Deine Tränen nicht ausreichen würden. Vielleicht vermögen es die Milliarden von Tropfen, die bei einem Unwetter auf die Erde fallen. Vielleicht – im Regen, das Gesicht dem Himmel zugewendet.
„Welchen Schmerz der Himmel wohl hat, dass er trotz der vielen Unwetter nicht aufhört?“, das Murmeln bleibt unbeantwortet.
Das willst Du nicht wissen. Niemand will es wissen. Ein Satz, ein Melodiefetzen, hängt plötzlich in der Luft:
Und der Himmel weint!
In der Dunkelheit ist der Umriss der Gestalt, wie er sich gegen das Licht aus dem Haus abhebt, noch zu erkennen. Ein Arm hebt sich langsam nach oben. Das Papiertaschentuch, dem Himmel entgegenstreckt, entzieht sich dem Blick des neugierigen Beobachters. Genauso wie das Lächeln, das kurz über das im Schatten liegende Gesicht huscht.
„Für Dich!“, der Ruf halt noch einige Sekunden durch das Dunkel.
Gierig stürzen sich eine Vielzahl von Wassertropfen auf das Tuch. Innerhalb von Sekunden ist es fort gespült. Langsam senkt sich der Arm wieder.
„Ich habe Angst!“, das Flüstern wird von einem dumpfen Grollen des Himmels beantwortet.
„Ich weiß...“, der Blick schweift auf die regennasse Erde, „...man darf keine Angst haben.“
Wie war das, als Du noch klein warst? Dachtest Du auch dass Du eines Tages groß sein wirst und Dir nichts und niemand mehr Angst machen kann?
„Aber das ist gelogen...“, diese Worte sind noch leiser als die Ersten.
Sofort ertönt ein weiteres Grollen. Als wäre es schon ein Verbrechen an dieser Lüge auch nur zu zweifeln.
Donnerstag, 19. August 2010
Begegnung in drei Teilen - Teil III
Ein kalter Wind nimmt Pete in Empfang und raubt ihn für einige Sekunden den Atem. Unwillkürlich zieht er seine Lederjacke enger. Nach wenigen Schritten hat er die Distanz bis zu der Bank überwunden. Zum ersten Mal eröffnet sich ihm die Frontansicht des Rückens. Gedankenverloren sieht er in das fremde Gesicht einer alten Frau. Schweigend verharrt er einige Augenblicke. Seine Schultern entspannen sich und in seinen Mundwinkeln zuckt ein stilles Lächeln.
Er beobachtet, wie der Wind mit dem dunklen Haar spielt, das von einem grauen Schimmer durchzogen ist. Einige Strähnen sind seinem Ruf gefolgt, haben sich aus der Haarspange gelöst und tanzen einen wilden Tanz in der Luft. Die kleine Nase entlang ziehen lilane Äderchen bunte Muster bis hin zu den von der Kälte rotverfärbten Wangen. Offensichtlich hat sich diese Dame keinerlei Mühe damit gegeben die Äderchen umständlich hinter Puder zu verbergen. Gerne würde er die Farbe ihrer Augen sehen, aber sie ist verborgen hinter den geschlossenen Lidern. Er betrachtet kurz das faltige Gesicht und entscheidet sich dann für wasserblau, denn alte Augen verlieren mit den Jahren die Kraft ihrer Farbe. Wie alle schlafenden Gesichter strahlt auch dieses Ruhe aus. Plötzlich zuckt Pete zusammen. Nicht doll, eher von außen kaum spürbar, an dem leichte Zucken seiner Nasenflügel zu erkennen. Der große Bruder des Schlafs vermag es beinahe noch mehr Gesichtern einen besonderen Frieden zu verleihen.
Alte Bilder tauchen wieder auf. Das Bild von der Gestalt im Sarg und dem jungen Mann, der vor dem offenen Sarg steht und von einem Fuß auf den anderen tritt. Die ältere Frau, die sich ganz auf den jungen Mann stützt, ihr Gesicht halb verdeckt von einem Taschentuch. Und als sie sich abwenden will ihn plötzlich kaum mehr loseisen kann. Seine Füße stehen mit einem Mal fest auf dem Boden, sein Blick ruht auf der Gestalt, die vor ihm liegt.
Pete kann sich genau erinnern wie er an diesem Tag zum ersten Mal in seinem Leben dem Tod begegnete und in stiller Faszination seinen Blick nicht mehr von ihm wenden konnte. Diese Ruhe, die einen sanften Schleier über den Mund gelegt hat. Dessen so oft zusammengepresste Lippen nicht mehr zu erkennen waren. Hinter diesem Schleier konnte man sich kaum mehr die laute, harte Stimme denken. Und da war noch etwas, was ihn zutiefst verstörte. Dieses harte Gesicht, dass ihn im Leben abfällig angesehen hatte, die beiden Hände, deren Fäuste er oft genug zu spüren bekommen hatte, das alles hatte irgendwie seine Kraft verloren. Die Härte war aus dem Körper verschwunden. An ihre Stelle war etwas anderes gekommen. Nur was? Pete kann es schwer in Worte fassen. Eine Ruhe und vielleicht so etwas wie, ja nach diesem Wort hat er gesucht, so etwas wie Frieden. Und wenn er sich jetzt ganz genau zurück erinnert dann kann er plötzlich etwas Verletzliches an seinem unangreifbaren, alten, verbitterten Vater erkennen. Verletzlich? Der Mann, für den schon ein Lächeln ein Zeichen von Schwäche war? Das ist absurd! Fortgewischt der harte, entschlossene Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch duldete. Der Tod ist ein Gaukler! Er macht sich eine Spaß daraus starke Männer wie verweichlichte Idioten aussehen zu lassen. Der Tod ist eine Chance! Eine Chance die eigene Schwäche zu zeigen. Was hätte der Vater gesagt, wenn er sich so hätte sehen können?
„Schließt den Sarg!“, hätte er gebrüllt, „Keiner soll mich so sehen! Dieses schwache Nichts, das bin nicht ich! Legt ein Bild von mir auf den Sarg, damit die Leute sehen können wie ich gelebt habe!“
Pete ist dankbar, dass der Vater im Tod nichts mehr zu sagen hatte. Er fühlt, was er nie zuvor für ihn empfunden hat. Nicht Liebe, nein für diesen Menschen hat er keine Liebe übrig. Aber etwas Versöhnliches, so etwas wie Mitleid. Ja, leid tut ihm der Vater plötzlich, so schutzlos in dem kalten Sarg. Und so allein.
Der Schrei einer Möwe holt ihn wieder zurück in die Gegenwart. Still betrachtet er das Gesicht der alten Frau. Eine kaum fassbare Ruhe strahlt ihm entgegen. Es ist anders als das tote Gesicht des Vaters. Dieses hier ist nicht leer, nein, es ist voll mit – und hier fehlt ihm wieder das Wort. Zufriedenheit? Ja, diese Frau sieht so unglaublich zufrieden aus, schlafend auf der Bank im kalten Wind. Aber was wenn sie doch tot war? Alle Muskeln spannen sich an. Sein Gehirn gibt den Befehl an die Füße wegzugehen, schnell und unauffällig. Aber die gehorchen nicht. Sie bleiben stehen, wie angewurzelt. Erst als sich das Halstuch löst und sich an seinem Bein verfängt beugt er sich schnell hinunter und hält es fest. Im Aufrichten fängt sein Blick wieder ihr Gesicht ein. Und als wäre es das Selbstverständlichste der Welt zuckt die kleine Nase. Pete lächelt. Und die Augen, die sich langsam öffnen, und versuchen sich zu orientieren sind wasserblau. Er muss noch ein wenig stärker lächeln. Jetzt sind sie wach und betrachten still sein Gesicht. Es ist ein langer und aufmerksamer Blick. Nicht unangenehm, aber doch seltsam. Auf der Stirn ziehen sich die Falten zusammen.
„Hat es geregnet?“, die Worte der alten Frau hängen zwischen ihnen.
Pete lässt ihr weiches, seidenes Halstuch durch seine Hände gleiten. Er weiß keine Antwort.
Donnerstag, 12. August 2010
Begegnung in drei Teilen - Teil II
Zum dritte Mal in den letzten beiden Minuten schaut Pete auf seine Uhr. Zweimal fällt ihm beinahe das Streichholz aus der Hand, bis es endlich Flamme fängt und er seine Zigarette anzünden kann. Er nimmt einen Zug und zwingt sich dem Rauch nachzusehen. Als seine Hand nach dem Pils vor ihm greift bleibt sein Blick doch wieder draußen an dem in eine helle Jacke gehüllten Rücken hängen. Erneut sieht er auf seine Uhr. 34 Minuten. Vor genau 34 Minuten hat er sich auf eben diesen Barhocker gesetzt und ganz zufällig nach draußen gesehen. Die Sonne ist mittlerweile von Wolken verdeckt und die kleine Fahne am Heck des Schiffes tanzt einen immer wilder werdenden Tanz. Aber dennoch hat sich dieser besagte Rücken in den letzten 34, nein jetzt 35 Minuten, nicht bewegt! Er drückt seine Zigarette wieder aus.
„Ich will doch einfach nur hier in Ruhe mein Bier trinken...“, denkt er während er dem Verglühen der Asche zusieht, „Was gehen mich die Angelegenheiten anderer Leute an? Es interessiert mich nicht!“
Am allerwenigsten interessiert ihn dieser verdammte Rücken, der wie eine alte Statue reglos dort draußen auf einer Bank thront!
Erneut schaut er auf seine Uhr und mit einem beinahe trotzigen Blick wieder nach Draußen. Jetzt hat sich diese Hintenansicht in den letzten 36 Minuten nicht mehr bewegt. Der schlanken Statur nach zu urteilen könnte es eine Frau sein. Aber vielleicht ist es auch ein Mann mit sehr wenig Muskeln? Pete zieht seine Augenbrauen ein Stück zusammen. Ein Mann mit einem Haarknoten? Wohl eher nicht. Das Einzige was sich an dieser Gestalt bewegt ist das Tuch, das um den Hals gebunden ist. Der heftiger werdende Wind spielt mit ihm, zerrt und droht es zu Boden zu reißen.
„Warum habe ich mich verdammt noch mal auf diese Seite der Bar gesetzt?“, seine Hand spielt mit dem Kleingeld in seiner Hosentasche.
Einen Moment lang blitzt die Vorstellung in seinen Gedanken auf einfach wieder nach unten in seine Kabine zu gehen, sich auf die harte Pritsche zu legen, die Augen schließen und von der Musik aus seinem MP3Player davon tragen zu lassen. Lächelnd schließt er seine Augen. Plötzlich taucht das Bild eines Haarknotens vor dem Hintergrund einer sich langsam verdunkelnden See auf. Schnell reißt Pete seine Augen auf und starrt auf das fast leere Pilsglas vor sich.
„Verdammte Scheiße!“, mit der einen Faust schlägt er gegen den Tresen mit der anderen greift er zu seinem Glas und leert es in einem Zug.
Er hört ein Kichern. Wendet den Kopf und sieht zwei kleine Kinder am Nachbartisch. Das Kleinere starrt ihn mit offenem Mund an, während das Ältere ihn anstrahlt. Die Frau, die zwischen den beiden sitzt, sieht ihn mit zusammengekniffenen Mund an. Pete zuckt mit den Achseln, zählt sein Kleingeld ab und legt es auf den Tresen. Er nickt dem Barkeeper kurz zu und wendet sich dann in Richtung Außendeck. Seufzend öffnet er die Tür.
Donnerstag, 29. Juli 2010
Begegnung in drei Teilen - Teil I
Ihre Nase zuckt und bringt mit dem Zucken die Sommersprossen zum Tanzen. Es ist ein schneller Tanz, er passt nicht zu den Falten in ihrem Gesicht. Sofort gleitet ihre Hand nach oben, drückt mit zwei Fingern zu und setzt dem bunten Treiben ein Ende. Die andere Hand ist fest auf die Reling gestützt. Blinzelnd hält sie ihren Kopf in den Wind. Die Sonne strahlt ihr Gesicht an und verleiht ihr einen unwirklichen Glanz. Das Rauschen des Meeres unter ihr ist unter dem Lärm der Maschinen kaum mehr zu hören. Ihr Blick fängt sich in den weißen schäumenden Linien, die die Fähre hinter sich her zieht. Plötzlich huscht ein Lächeln über ihr faltiges Gesicht. All die Geschichten von Delphinen, die ins Meer gefallene Menschen vor dem Ertrinken bewahren geistern ihr durch den Kopf. Sie beugt sich nach vorne, so weit dass sie das Meer direkt unter sich sehen kann.
„Wenn ich jetzt ins Wasser fallen würde – wärt ihr hier um mich zu retten?“, flüstert sie unhörbar in den Lärm der Maschinen hinein. Sie bekommt keine Antwort. Langsam schweift ihr Blick wieder zum Horizont. Plötzlich ist ihr als spränge weit draußen ein kleiner, schwarz-weißer Punkt aus den Wellen. Sie blinzelt, legt eine Hand über die Augen, aber es sind nur noch die Wellen zu sehen.
Mit einem Achselzucken wendet sie sich von der Reling ab und geht auf eine der Bänke zu, die im hinteren Teil des Decks aufgestellt wurden. Nach einem kurzen Prüfen wählt sie eine direkt vor dem verglasten Café mit Blick auf das Meer. Trotz der Sonne bläst ein kalter Herbstwind. Er hat alle Passagiere in den Glaskasten getrieben. Sie braucht Ruhe, hat keine Lust auf laute Gespräche, Zigarettenrauch und Biergeruch am Nachmittag. Sie zieht ihr Halstuch ein wenig enger, setzt sich und lässt ihren Blick erneut über das Meer gleiten. Von hier aus kann sie gut beobachten wie sich das Wasser langsam hinter der Fähre wieder schließt. Ein oder zwei Kilometer später treibt es in seinem gewohnten Gang, als hätte das große Schiff sich nie seinen Weg hindurch gebahnt. Ihre alten Augen sind es müde zu sehen. Langsam schließen sie sich und sperren die Sonne, das Schiff und das Meer nach draußen. Beinahe unmerklich sinkt ihr Kinn zur Brust. Das Rauschen des Meeres übertönt mit einem Mal den Klang der Maschinen.
Donnerstag, 11. Juni 2009
Du willst es doch auch!
Das junge Punkermädchen sitzt mit ein paar von ihren Freunden im Park. Den ganzen Nachmittag schon erzählen sie sich Geschichten, vom Leben, von ihren Träumen, von Lustigem und Traurigem. Eben hat Mickey seine Geschichte von seinem geplatzten Urlaubstraum mit einer ausschweifenden Geste beendet und dabei die Tüte mit dem Orangensaft zum Kippen gebracht. Lachend wirft sie ihren Kopf in den Nacken. Als sie sich wieder aufrichtet bleibt ihr ihr Lachen im Hals stecken. Ihr Blick heftet sich starr auf zwei Punkte, die langsam um eine Kurve des Parkweges schlendern und in Richtung ihrer Wiese steuern. Ihr ganzer Körper spannt sich an. Ihr Mund steht offen und sie vergisst für eine halbe Ewigkeit weiter zu atmen.
„Ich bin ein paar Tage bei meinen Großeltern. Meiner Oma geht es nicht besonders. Ich meld mich bei Dir, wenn ich wieder zurück bin, okay?“, seine Worte erklingen wieder in ihrem Ohr. Deine Großmutter sieht aber verdammt jung aus, denkt sie während sie mit einem lauten Schnaufen die restliche Luft aus ihren Lungen presst. Mit zusammengepressten Augen mustert sie das Mädchen in seinem Arm. Langes, blondes Haar, schlank wie eine Gazelle und unglaublich lange, dünne Beine, die auf hohen Stöckelschuhen vor sich hin staksen. Blondes Gift! Ihr Herz klopft heftig während ihr Blick zwischen den beiden hin und her wandert. Ein schönes Paar geben sie ab – er mit seinem dunklen, kurzen und wuscheligem Haar gibt den richtigen Kontrast zu seiner Begleiterin.
Sie sieht an sich herunter. Buntgebatikte Bluse auf weiter, dunkler Stoffhose. Unförmiger Körper, grüne Strähne im halblangen, stumpfbraunem Haar. Nicht besonders attraktiv. Ich würde an seiner Stelle mich auch lieber mit dieser eleganten Schönheit verabreden. Von wegen Großeltern! Lügner! Ein Stich fährt ihr ins Herz. Sie glaubt ein leises klirren zu hören – tief in ihr drin. Fühlt es sich so an, wenn einem das Herz bricht? Ihre Augen füllen sich mit Wasser. Sie fährt sich mit beiden Händen über ihr heißes, feuchtes Gesicht.
„Ist was mit Dir?“, jemand hält ihr eine Flasche unter die Nase und legt eine Hand auf ihre Schulter. Sie greift nach der Flasche und nimmt einen tiefen Schluck. Es schmeckt bitter und scharf, sie muss sich beherrschen es nicht gleich wieder auszuspucken. Wie Feuer brennt sich die Flüssigkeit langsam einen Weg durch ihren Körper, bis sie sich in einem wohlig-warmen Gefühl in der Magengegend auflöst. Sie schließt kurz ihre Augen und spürt der Wärme nach. Hastig nimmt sie noch einen zweiten Schluck.
„Ich muss los.“, schnell steht sie auf und nickt den anderen kurz zu. Bevor sie sich abwendet begegnet sie seinem Blick. Kurz. Es ist nicht so wie Du denkst, scheinen seine Augen zu sagen. Nein, sicher nicht, nichts ist so wie ich gedacht habe, dass es ist, antworten ihre.
Schnell läuft sie den Weg entlang. Sie rennt fast. Ganz weit weg. Möglichst viel Raum zwischen sich und dieses Traumpaar bringen. Sie presst ihre Hände an die Schläfen. Versucht die Bilder aus ihrem Kopf zu bekommen, aber es gelingt ihr nicht. Sie spürt seinen heißen Atem auf ihrer Haut. Ein Schauer läuft ihr über den Rücken. Sie zittert. Spürt seine feuchten Küsse auf ihren Lippen, ihren Augen, ihrem Hals. Noch einmal hört sie seine Stimme leise flüsternd an ihrem Ohr, fordernd:
„Du willst es doch auch“
Schwer atmend lehnt sie sich an die Mauer des Parks. Die Kühle der Steine beruhigt sie ein wenig. Ihre Knie geben nach und sie gleitet langsam zu Boden. Tränen laufen ihr über die heißen Wangen. Immer noch presst sie ihre Hände gegen ihr Gesicht.
„Nein,“, murmelt sie leise, „DAS will ich nicht!“
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