Donnerstag, 30. April 2009

In der Zoohandlung I


Vladimir hakte Victor beim Aussteigen aus der Straßenbahn fest unter, um den lallenden und torkelnden Freund besser unter Kontrolle zu haben. Er selbst sah die Welt um sich auch nicht mehr ganz klar. Wie viele Glühweine hatten sie eigentlich getrunken? Er musste aufstoßen. Das Brennen im Rachen, welches folgte, war unangenehm. Hastig schluckte er, um den Geschmack wieder zu vertreiben.
„Guck mal, da oben!“, Victor riss sich los und deutete mit seiner Hand die Straße entlang.

Er folgte dem Finger seines Freundes. An der nächsten Straßenecke, einige hundert Meter entfernt, stand, unter einer Straßenlaterne, ein Pärchen mit einem Kinderwagen. Er blinzelte, durch den Regen war kaum etwas zu erkennen. Was wollte Victor mit den Beiden?
„Ey! Wo hast Du die Banane gelassen?!?“, Victor brach in schallendes Gelächter aus, sah dann noch mal hin und stutzte, „oder ist das eine andere Verrückte?“
Im ersten Moment begriff Vladimir nicht, dann erinnerte er sich an den blonden Kerl, der so rührend die Verrückte angesprochen hatte. Er blinzelte und schob seinen Kopf nach vorne. Hmm, das könnte schon dieser Kerl sein.
„Huhuuu!“, Victor hob ausgelassen seinen Arm und winkte zu dem Pärchen, „Ich kenn euch! Huhuu!“
„Idiot!“, Vladimir konnte sein Lachen nicht mehr unterdrücken.
Trotzdem schnappte er sich seinen kichernden Freund und steuerte mit ihm in Richtung der Zoohandlung. Es waren mit ihnen nur wenige Menschen aus der Bahn gestiegen, er bemerkte, wie sie ihnen auswichen und sie argwöhnisch beäugten. Er unterdrückte den Impuls einer alten Frau die Zunge raus zu strecken. Stattdessen drückte er Victors Arm und schüttelte sich vor Lachen, alleine bei dem Gedanken es zu tun.
Als sie durch die Tür der Zoohandlung gingen zog Victor ihn zu dem großen Koi Becken am Eingang.
„Krass, guck mal wie groß die sind!“, mit offenen Mund stand er da und starrte in das Becken.
„Los komm jetzt erst mal weiter. Die ollen Karpfen können wir uns nachher noch ansehen.“, er schob den Freund weiter die Treppe nach oben zu den Kleintieren.
Die warme Luft im Laden machte ihn schläfrig. Mitten auf der Treppe wurde ihm schwindlig. Um ein Haar wäre er gestürzt, doch im letzten Augenblick gelang es ihm das Geländer zu fassen. Langsam glitt er auf die Stufen. Dort blieb er schwer atmend sitzen.
„Ey Alter, was ist los?“, er sah auf in die weit aufgerissenen Augen von Victor, der sich über ihn gebeugt hatte.
Der rüttelte ihn an der Schulter.
„Laß das, geht schon wieder.“, mit einer bestimmten Bewegung schob er die Hand seines Freundes fort.
„Brauchst Du Hilfe? Ist Dir nicht gut?“, eine Verkäuferin kam von unten die Treppe hinauf gelaufen.
Vladimir sah sie an, sie war in etwa im Alter seiner Mutter. Im ersten Moment stutzte er, als er ihre grauen Augen sah, dann musste er lächeln.
„Geht schon, alles okay.“, mit einem leisen Seufzer stand er auf.
„Habt ihr was getrunken?“, mit gerunzelter Stirn musterte die Verkäuferin sie beide.
Vladimir schüttelte den Kopf:
„Nein, gar nicht. Danke für Ihre Hilfe!“
Er vermied es der Frau direkt in die Augen zu sehen und beeilte sich endlich die gewundene Treppe hoch zu gehen. Kurz vor dem ersten Stock wandte er leicht den Kopf und sah aus dem Augenwinkel, dass sie immer noch dort unten an der halben Treppe stand und ihnen mit gerunzelter Stirn hinterher sah. Mit schnellen Schritten durchquerte er die Abteilung in Richtung der Kleintiere. Er bemerkte, dass Victor ihn immer wieder verstohlen beäugte.
„Ist schon okay, Alter – mir geht’s gut.“, er gab ihm einen freundschaftlichen Stoß.
„Du hast mir nen ganz schönen Schrecken eingejagt, dachte Du krepierst da auf der Treppe!“
„Ja, schon klar...“, Vladimir seufzte, warum musste er nur immer so maßlos übertreiben?
„Ey, was ist das denn?“, Victor blieb stehen und deutete auf einen extra abgetrennten Raum mit einer Theke am Ende.
Vladimir musste lachen, als er seinen Freund leise durch die Zähne pfeifen hörte. Hinter der Theke stand ein Mädel, ungefähr in ihrem Alter. Sie trug einen weißen Kittel.
„Wer lesen kann ist klar im Vorteil: Tierarztpraxis!“, er deutete auf ein Schild an der Wand.
Victor runzelte die Stirn:
„Ich dachte dass hier ist ne Zoohandlung?“
„Klar, aber wie Dir vielleicht auffällt gibt es in ner Zoohandlung ne Menge Tiere.“
„Kannst Du mit Deiner Schlange hier auch hingehen?“
Vladimir runzelte die Stirn:
„Wenn sie krank wäre bestimmt, wieso?“
„Ey, dann komm ich mit! Wann gehst Du hin?“, Victor zwinkerte dem Mädchen zu, diese grinste zu ihnen hinüber.
„Spinner!“, Vladimir zog seinen Kumpel weiter zu den Kleintieren, „Wie wärs wenn Du Dir selbst ein Tier kaufst und dann damit dort auftauchst?“
„Tolle Idee!“, Victor schien Feuer und Flamme zu sein.
Vladimir seufzte. Während sein Kumpel sich eifrig nach einem Haustier umsah suchte er sich zwei Mäuse für seine Schlange aus. Ein Vater besah sich mit seinem kleinen Sohn die Tiere. Victor verwickelte die Beiden in ein Gespräch über das Für und Wider der einzelnen pelzigen Hausgenossen. Vladimir lies sich währenddessen von einem Verkäufer die beiden Mäuse einpacken und wandte sich mit der Pappschachtel in der Hand zu seinem Kumpel:
„Ich bin fertig, wir können wieder gehen.“
„Zeig mal Dein Schlangenfutter“, Victor streckte seine Hände nach der Schachtel aus.
Der Junge quiekte auf.
„Papa, will der Mann die Tiere töten?“
Na super! Vladimir stöhnte leise auf.
„Danke!“, zischte er Victor ins Ohr, dann wandte er sich lächelnd an Vater und Sohn, „aber nein, die Schlange sucht nur jemanden zum spielen!“
Der Junge starrte ihn mit offenem Mund an. Bevor sein Vater ihm was erwidern konnte packte er Victor am Arm und steuerte in Richtung der Treppe. Bei der Tierarztpraxis verlangsamte Victor seinen Schritt und verdrehte sich den Kopf nach dem Mädchen.
„Komm jetzt bloß nicht auf die Idee, dass wir mit den Mäusen zum Arzt gehen...“
„Wieso nicht? Stell Dir vor die haben ne ansteckende Krankheit?“
„Schnauze!“, es sollte aggressiv klingen, aber irgendwie musste Vladimir lachen.
Lachend gingen sie die Treppe hinunter Richtung Kasse.
„Ich geh jetzt zu den Fischen!“, Victor stapfte in Richtung des Koi Beckens und beugte sich tief darüber.
Von der Kasse aus konnte Vladimir sehen, wie sein Kumpel zu zittern begann. Mit gerunzelter Stirn nahm er das Wechselgeld entgegen und ging in schnellen Schritten auf ihn zu.
„Was ist los?“, er fasste Victor am Arm.
„Mir ist schle-“, weiter kam er nicht.
Victors Körper bäumte sich auf und mit einem Mal kam ein ganzer Schwall Vorverdautes aus ihm heraus. Vladimir versuchte ihn vom Becken weg zu zerren. Aber zu spät. Ein Teil des Mageninhaltes fiel mit einem lauten Platschen ins Wasser. Er sah wie die Fische blitzartig zum Grund tauchten. Hinter ihnen stieß jemand einen Schrei aus.
Scheiße! Mehr dachte er nicht während er beobachtete, wie sich der restliche Mageninhalt seines Freundes vor dem Becken verteilte. Er roch den scharf-säuerlichen Geruch des Erbrochenen und unterdrückte ein Würgen.

Kommentare:

  1. Ist ein bischen lang geworden, die Geschichte. Ich hoffe euch wurde am Ende nicht schlecht ;).

    Grüße

    Kryps

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  2. Naja, ein wenig schlecht ist mir jetzt schon.
    Tolle Geschichte, ich hatte noch bis zum Schluss auf ein Happy End gewartet :-(
    Tolle Geschichte. Du hast das Zeug zum Schreiben, keine Frage...
    Hari

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  3. Naja,
    Happy End wirds wohl für die Beiden so schnell nicht geben - aber ein Leben voller Happy Ends wäre wohl auch langweilig, oder? Aber ich habe mir sagen lassen, dass Koi Erbrochenes nichts ausmachen soll - insofern wird wenigstens niemand sterben (abgesehen von den Mäusen...)
    ;)

    Grüße

    Kryps

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