Donnerstag, 23. April 2009

Im Regen IV


Marie verharrte einige Augenblicke und legte ihren Kopf schief. Sie hörte die leisen Laute aus dem Kinderwagen nicht mehr. Stattdessen vertiefte sie sich ganz in den Anblick dieses Kerls, der sie vor ungefähr zwanzig Minuten am Arm gerempelt hatte und kurz darauf einen Auffahrunfall verursacht hatte. Er sah immer noch wie weggetreten aus mit stierem Blick. Den Regen schien er nicht zu bemerken. Sein blondes Haar klebte in nassen, dunklen Strähnen auf seinem Kopf. Als ihm ein Tropfen von der Nase fiel bemerkte sie, dass seine Lippen leicht zitterten. Wie ein gehetztes Tier steht er da, schoss es ihr durch den Kopf. Der Gedanke rührte sie. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht als sie den Kinderwagen beherzt auf ihn zu schob.

„Du hast eben einen Unfall verursacht.“, sie zog ihre Stirn in Falten.
War das zu vorwurfsvoll gewesen? Das hatte es nicht sein sollen. Es sollte sachlich klingen, aber nicht vorwurfsvoll. Sie wollte nicht, dass er wieder in Panik geriet. Gespannt beobachtete sie wie sein Blick ganz langsam klarer wurde, als er den Kopf drehte und sich ihr zu wandte. Er musterte sie von oben bis unten. Sie wich einen kleinen Schritt zur Seite und lenkte ihren Blick an ihm vorbei. Sie hasste es, dieses Gefühl abgeschätzt und bewertet zu werden.
„Was sagst Du?“, seine Stimme klang leise, beinahe bedrohlich.
Im Augenwinkel sah sie, wie er sein Kinn für einen Moment nach vorne schob und sein ganzes Gesicht in die Länge zog. Sie sah ihn jetzt wieder direkt ins Gesicht. Ein leichtes Funkeln lag in ihren Augen. Was wollte er? Wollte er ihr drohen und auch noch so tun als könne er sich nicht erinnern? Andererseits – vielleicht war er einfach durchgeknallt? Nicht ganz zurechnungsfähig? Scheiße! Warum hatte sie ihn angesprochen? Ihre rechte Fußspitze tippte unruhig auf den Asphalt. Wenn sie eine Sache in ihrem Leben gelernt hatte, dann war es, dass Angriff immer noch die beste Verteidigung war. Ausnahmslos, in jedem Fall! Sie machte einen kleinen Schritt auf ihn zu.
„Machst Du Witze? Du hast mich genau verstanden!“, ihre Stimme klang jetzt hart und abgehakt. Die Stirn war in tiefe Falten gezogen.
Sie spürte mehr, als dass sie es sah, dass er mit seinem Oberkörper ein kleines Stück zurückwich. Für einen kurzen Moment hielt sie inne. Ein Lächeln erschien um ihre Mundwinkel, nur um im nächsten Augenblick wieder zu verschwinden. Sie bemerkte, dass er ihren Blick nicht mehr hielt. Sie musste weiter sprechen, um seine Aufmerksamkeit wieder zu erhalten. Aber sie merkte, dass ihre Worte ihn nicht erreichten. Um den Unfall zu verdeutlichen klatschte sie in ihre Hände. Direkt vor seiner Nasenspitze. Tatsächlich schien ihn das wach zu machen. Er wich mit dem Kopf zurück und starrte sie an.
„Wie Wumms?“
„Na Wumms eben!“, sie wiederholte das Klatschen, wenn auch nicht mehr genau vor seinem Gesicht.
Er zog die Stirn in tiefe Falten, schüttelte den Kopf und hob leicht seine Hand. Das Klatschen begann ihr Spaß zu machen. Sie wiederholte es, nachdem sie weitergesprochen hatte.
„Achso, ja, okay, ich verstehe!“, wieder hob er seine Hand. Diesmal wirkte es fast als wolle er sie fort schupsen.
Kein Wort hast Du verstanden, gibs doch zu! Willst nur, dass ich aufhör vor Deiner Nase zu klatschen. Sie drehte ihren Kopf zur Seite und bemerkte, dass eine weitere Straßenbahn von der Haltestelle los fuhr. Einen Moment spielte sie mit dem Gedanke einen neuen Anlauf zu starten. Sie sah in sein müdes Gesicht und lies es bleiben. Achselzuckend folgte sie seinem Blick zur Haltestelle. Dort standen zwei Jugendliche. Ihr Lachen drang die Straße hinauf. Einer hob die Hand und winkte. Mit gerunzelter Stirn suchte sie die Straße ab. Meint der uns? Direkt neben ihnen bremste ein Auto. Als sie hinsah blieb ihr beinahe das Herz stehen.
„Scheiße!“
Sie starrte den Fahrer mit aufgerissenen Augen an. Nur kurz. Fühlte sich in die Enge getrieben und sah sich mit einer schnellen Kopfbewegung um.
„Laß uns abhauen!“, leicht stupste sie ihn in der Drehung mit ihrem Ellenbogen an.
An seinem Blick merkte sie, dass er immer noch nichts kapierte. Da stand eines der kaputten Autos vor ihm - an deren Unfall er Schuld war und er tat so als ginge ihn das alles nichts an! Als sie einige hundert Meter gelaufen waren, ohne dass das Auto ihnen folgte, fiel die Spannung langsam von ihr ab. Was mache ich jetzt eigentlich mit ihm? Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und sah wie sein Blick in den Kinderwagen fiel. Oh nein, bitte, frag mich jetzt nichts wegen dem Baby...
„Ist das eigentlich Deines?“
Sie blieb stehen, nur kurz, und schloss die Augen. Er hats getan. Der Gedanke hallte durch ihren Kopf und sie verspürte nicht die geringste Lust ihm eine Antwort zu geben.

Kommentare:

  1. Herrje, werte Frau Krypskytter, aber was würde Sie denn antworten und was ist mit dem Mann im Audi und überhaupt klären Sie doch auf, ist ja nicht zum aushalten diese Fortsetzungsgeschichten...

    Herzlichst und auf heissen Kohlen

    Ihre DiVa

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  2. Werte DiVa, es gibt Fragen auf die gibt es einfach keine Antwort. Wenn Sie dennoch auf eine Antwort brennen, dann verweise ich Sie freundlichst auf die Geschichte "Im Regen III" (ob die jedoch wahr ist, wer weiß?).
    Und der Herr im Audi, tja, nun ich weiß auch nicht wann der wieder auftauchen wird, oder ob überhaupt... Nach seinem Unfall wird er wohl nicht in der Zoohandlung stehen, was meinen Sie? Vielleicht als Geschäftsführer, aber das wäre wohl etwas weit hergeholt...

    Zum Thema Fortsetzungsgeschichten verweise ich nur auf "Den Tag des garnicht toten Ponys"
    http://www.diediva.com/index.php/2009/05/04/lotte-interaktiv-oder-der-tag-des-garnic#comments
    Interaktiv - elegante Lösung, werte DiVa - ich bin gespannt! :)

    Herzlichst
    Krypskytter

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