Donnerstag, 12. März 2009

Am Busbahnhof II


Marvin fasste mit seiner Hand zu seinem linken Knie und verzog das Gesicht. Als er weiter lief zog er das Bein ein wenig nach. Verdammt! Schon wieder diese Schmerzen! Sein linker Fuß stieß gegen eine Blechdose. Für einen Moment vergaß er das schmerzende Bein und trat mit einem lauten Lachen heftig gegen die Dose. Ein heißer Blitz zuckte durch seinen Körper. Er heulte leise auf und knickte zusammen. Mit einem leisen Klacken landete sein Rucksack auf den Pflastersteinen.

Er kniete auf dem rechten Bein und umschlang sein Linkes mit beiden Armen. Seine Stirn berührte das Knie. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich auf den Schmerz. Er hielt für einen Moment den Atem an und presste die Lippen zusammen. Langsam lies das Brennen nach. Zentimeter für Zentimeter richtete er seinen Körper wieder auf und kam schließlich auf beiden Füßen zum Stehen. Sein Atem ging schnell und schwer. Mit versteinerter Miene sah er sich um. Sein Blick streifte einen jungen Mann, der sich wohl vor dem Regen untergestellt hatte und ihm aus dem Schutz des Glashäuschens heraus blöde anstarrte.
„Was glotzt Du so blöd?“, es war mehr ein Zischen als ein Schreien.
Die Worte kamen gepresst über seine zitternden Lippen. Sein Blick fand keinen Fixpunkt. Er flog von dem Mann über den Platz hinweg, wieder zurück, hin zu seinen Füßen, hinüber zu den Bäumen hinter ihm, kam über den Brunnen erneut zurück und blieb schließlich hängen. Sein Rucksack. Die Pfütze in der er lag, war die vom Regen? Hastig beugte er sich nach unten, das plötzliche Stechen in seinem Bein ignorierend. Mit zitternden Fingern machte er sich an der Schnur zu schaffen. Der Regen fiel in dichten Streifen auf die Erde. Wasser tropfte von seinen zerfranstem, dunklen Haar und lief ihn übers Gesicht. Endlich hatte er den Knoten gelöst. Ein Husten schüttelte seinen Körper. Mit einem Würgen kam etwas nach oben. Er spukte den Klumpen in Richtung des Brunnens, während er seine ganze Aufmerksamkeit auf das Tasten seiner Hand im Rucksack richtete. Als seine Finger die Flasche spürten verzogen seine Lippen sich zu einem breiten Grinsen. Sie war noch ganz. Mit einer langsamen Bewegung beförderte er sie nach draußen, schraubte sie auf und nahm einen tiefen Schluck. Der bleierner Geschmack in seinem Mund wich dem Bitteren des Schnapses. Er schloss seine Augen während sich die Wärme langsam von seinem Magen aus weiter in seinem Körper ausbreitete. Nach dem zweiten Schluck war das Stechen in seinem Bein kaum mehr zu spüren. Er verzog seinen Mund erneut zu einem Grinsen. Mit einem lauten Rülpsen verstaute er die Flasche wieder im Rucksack. Diesmal kam er schneller auf die Füße. Allerdings so plötzlich, dass er beinahe wieder umgefallen wäre. Er stolperte ein paar Schritte zur Seite, bevor er sich auffangen konnte und leicht schwankend zum Stehen kam. Den Rucksack hielt er fest umklammert. Er sah sich um und sein Blick blieb erneut an dem jungen Mann hängen. Inzwischen hatte sich eine zweite Gestalt dazu gesellt. Die beiden schienen miteinander zu sprechen. Marvin kniff die Augen zusammen. Mit Mühe erkannte er, dass die andere Gestalt sehr kräftig war und das dichte Haar, dass ihr fast bis zum Hintern reichte, zu einem Zopf zusammengebunden hatte.
„Der Feuerspucker“, er lächelte.
Wankend ging er in Richtung der beiden Männer. Vor dem Glashäuschen blieb er abrupt stehen, als wäre dort eine magische Grenze, die er nicht übertreten könnte. Er hob seine Stimme und streckte den Männern seine rechte Hand mit der offenen Handfläche entgegen:
„Eno sorme Kliekaa?“
Im Augenwinkel sah er wie der junge Kerl mit den dunklem, halblangen Haar zurückwich. Er unterdrückte ein Grinsen und zog es stattdessen vor den Feuerspucker mit großen Augen anzusehen. Es war besser wie ein Irrer zu sprechen. Dann stellen die Leute keine Fragen und drücken einem viel lieber ganz schnell ein wenig Kleingeld in die Hand, nur damit man sie schnell wieder in Ruhe lies. Schon seltsam wie leicht alles wird, wenn man sich die Unsicherheiten der Menschen zu nutze macht .
Hälst Dich wohl für was Besseres? Marvin musste sich beherrschen dem jungen Kerl nicht ins Gesicht zu brüllen, der jetzt mit dem Rücken an die Wand des Glashäuschens gedrückt dastand und sich mit seinem Unterarm die Nase zu hielt. Glaubst ich wäre Abschaum, hä? Täusch Dich mal bloß nicht, Dummkopf! Ich kann mich noch erinnern, weißt Du? Ich hab nicht schon immer so gestunken, bin nicht schon nach Schnaps riechend und schlurfend geboren worden. Auch wenn Du das glaubst. Aber weißt Du was die Wahrheit ist? Die Wahrheit ist, dass wir alle am Rand des Abgrunds laufen. Und es reicht ein einziger Augenblick Dich nach unten zu stürzen. Ein einziger, klitzekleiner Augenblick – verstehst Du? Wenn Du erst mal dort unten bist, dann gibt es keinen Weg mehr zurück. Nur weiter hinunter geht es, immer tiefer und tiefer. Bis Du schließlich ganz vergessen hast, wer Du bist. Aber ich, ich kann mich noch erinnern, noch erinnern. Die Gedanken wirbelten unsortiert durch seinen Kopf, während er den Kerl weiter im Augenwinkel beobachtete.
Mit trüben Blick und unbewegter Miene fixierte er währenddessen den Feuerspucker und konzentrierte sich ganz darauf die Gedanken nicht auszusprechen. Er biss sich auf die Lippe. Der Geschmack von Blut breitete sich langsam in seinem Mund aus. Der Feuerspucker legte ihm ein wenig Kleingeld in die ausgestreckte Hand.
„Vergelts Gott!“, er drückte den Arm des Feuerspuckers kurz und fest.
Ein Lächeln huschte über dessen Gesicht. Unsicher und im nächsten Moment schon wieder verschwunden. Marvin murmelte Unverständliches in seinen langen Bart und löste seinen Griff von dem Arm. Einen kurzen Augenblick begegneten sich ihre Blicke und es war so etwas wie ein Erkennen in ihnen. Marvin zögerte und stand wie fest gewachsen. Mit einer plötzlichen Bewegung, die den Feuerspucker zusammen zucken lies, wandte er sich ab und schlurfte in Richtung des Brunnens davon. Sein Kopf wackelte hin und her, ohne dass er es hätte kontrollieren können.
„Ich habe nicht vergessen, nein, nichts habe ich vergessen. Ich erinnere mich noch!“
Er murmelte die magische Formel immer noch vor sich hin, als die Dunkelheit zwischen den Bäumen ihn längst verschluckt hatte.

Montag, 9. März 2009

Am Busbahnhof I


Lasse hatte sein Handy wieder in seiner Hosentasche verschwinden lassen und wühlte aus der Innentasche seines Trenchcoats ein Päckchen Zigaretten hervor. Er beugte sich tief über das Feuerzeug, als er sich die Zigarette ansteckte. Eine Strähne seines halblangen dunklen Haares kam der Flamme gefährlich nahe. Er strich sie hinters Ohr, während er den Kopf in den Nacken legte und einen tiefen Zug des bitteren, dunklen Rauchs einatmete. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte er die beiden Flirtenden, deren Kinder sich nun jedes an einen der Beiden ankuschelten. Warum sind meine Eltern eigentlich nie mit mir ins Kino gegangen? Er kaute diesen Gedanken vor sich hin, während der Rauch in einer gleichförmigen Wolke durch seine Nase wieder herausströmte. Etwas Kaltes und Feuchtes landete mit einer solchen Plötzlichkeit auf seinem Kopf, dass er zusammen zuckte. Er strich mit der Hand das feucht gewordene Haar glatt, als schon der nächste Tropfen nach unten fiel.

Mit gerunzelter Stirn blickte er Richtung Himmel und zog den Kragen seines Trenchcoats nach oben. Er nahm einen letzten, hastigen Zug bevor er die Zigarette in eine Pfütze warf, vergrub die Hände tief in seinen Taschen, zog die Schultern nach oben, beugte den Kopf vorn über und stieß sich mit seinem Fuß von der Wand ab an der er gelehnt hatte. Der Regen, der sich zunächst mit einigen, wenigen Tropfen seine Weg nach Unten gesucht hatte, wurde allmählich stärker. Lasse beschleunigte seinen Schritt. Er bog aus dem Kinotunnel nach links ab in Richtung des großen Straßenbahn- und Busbahnhofs. Ein kalter Wind blies die Fußgängerzone entlang. Er fröstelte. Es waren nur wenige hundert Meter bis zu dem Platz. Dennoch war er völlig durchnässt, als er wenige Minuten später dort eintraf. Auf dem Platz war der Wind noch stärker. Er verschränkte die Arme vor der Brust und zog den Trenchcoat enger um sich. Schnell ging er in Richtung eines der großen Glashäuschen. Er musste mehrere Straßenbahnschienen kreuzen, bevor er dort ankam. Der Platz war leer, kein Bus und keine Straßenbahn standen und warteten auf Fahrgäste. Eine dunkle Gestalt mit zwei großen Koffern saß in dem Glashäuschen auf einer der Bänke. Beim näher kommen konnte Lasse einen kräftigen Oberkörper ausmachen. Er achtete nicht weiter auf die Gestalt sondern widmete seine Aufmerksamkeit vielmehr dem Fahrplan, der in dem Häuschen angeschlagen war. Der Geruch von Benzin stieg ihm in die Nase. Für einen kurzen Moment hielt er inne und sog die Luft tief ein, als erinnere ihn dieser Geruch an etwas. Dann lenkte ihn das Scheppern einer Blechdose ab. An dem beleuchteten Brunnen direkt neben dem Glashäuschen stand ein kräftiger Mann. Lasse zog die Augenbrauen zusammen und betrachtete das Bild näher. Im Licht des Brunnens konnte er das Gesicht recht gut erkennen. Den Falten auf der Stirn und um die Augen herum nach zu urteilen schien der Mann schon recht alt zu sein. Der Rest des Gesichtes war von einem kräftigen Vollbart verdeckt, der mehrere Zentimeter lang war. Umrandet wurde es von strähnigem und fettigem schulterlangem Haar. Die Bewegungen waren abgehakt und der alte Mann schien Schwierigkeiten zu haben sein Gleichgewicht zu halten. Er stieß an einen kleinen Rucksack, der direkt neben ihm stand und einen Moment schien es so, als würde er stürzen. Mit einem großen Ausfallschritt, den Lasse dem Alten nicht zugetraut hätte, gelang es ihm jedoch sich abzufangen. Plötzlich wandte der Alte ihm den Kopf zu. Obwohl sein Gesicht nun im Schatten lag glaubte Lasse zu erkennen, dass er ihm direkt in die Augen starrte. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Der Alte bleckte die Zähne und rief etwas in seine Richtung, was Lasse nicht verstand. Er wich unwillkürlich einen kleinen Schritt zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Lasse?“
Die Stimme war so plötzlich und so nah bei ihm, dass er sich mit einem Ruck umdrehte. Seine rechte Hand war zur Faust geballt in seiner Tasche, sein Körper war bis auf den letzten Muskel angespannt. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht und die Anspannung schien ebenso schnell wieder von ihm abzufallen, wie sie gekommen war.
„Bernd?“
Lachend klopften sich die beiden Männer auf die Schulter.
„Wie lief das Geschäft?“ Lasse deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung der beiden Koffer, wobei einer der Koffer sich bei genauerem Hinsehen als ein Ghettoblaster entpuppte.
Der Angesprochene zuckte kurz mit den Schultern.
„Nicht schlecht eigentlich – warum bist Du nicht für eine Runde geblieben?“
Lasse holte Luft, um zu antworten, wurde aber von dem unverständlichen Kauderwelsch des Alten unterbrochen. Dieser war jetzt bis zu dem Glashäuschen gekommen und streckte seine Hand aus. Lasse hielt den Atem an. Der Wind blies an dem Alten vorbei in das Häuschen hinein. Eine Duftmischung aus Alkohol und ungewaschenen Kleidern schlug ihnen entgegen. Die hingestreckte Hand war von einem löchrigen Halbfingerhandschuh mehr schlecht als recht bedeckt. Den Rucksack hatte er sich um seine linke Schulter gehängt. Bernd klopfte Lasse mit seiner Hand auf die Schulter während er an ihm vorbeiging und dem Alten ein wenig Kleingeld in die Hand drückte. Dieser verzog seinen Mund zu einem breiten Grinsen, was Lasse einen guten Blick auf die zum größten Teil fehlenden Zähne ermöglichte. Angewidert wandte er den Blick ab.
„Vergelts Gott!“, der Alte drückte mit der anderen Hand Bernds Arm, wandte sich dann ab und wankte wieder in Richtung des Brunnens.
„Ich wusste gar nicht, dass Du unter die Samariter gegangen bist?“, Lasse zog seine Augenbrauen nach oben und musterte seinen Freund eingehend.
Bernd zuckte wieder mit den Schultern und wollte eben etwas erwidern, als die Bahn kam. Wortlos stiegen sie ein. Lasse trug den Ghettoblaster und sah noch einmal zu dem Alten am Brunnen. Was war nur in seinen Freund gefahren? Seit wann verteilte er Kleingeld an irgendwelche Penner? Er seufzte. Lieber noch ein wenig über dieses Thema mit Bernd reden, bevor der ihn noch einmal wegen Agnes fragte. Er kniff die Lippen ein wenig zusammen und hatte keine Ahnung, was er Bernd erzählen sollte, wenn der ihn gleich fragen würde.

Donnerstag, 5. März 2009

Auf der Straße II


„Hat euch beiden der Film gefallen?“, Birgit kniete sich hin, um Larissa den Schal fester zuzubinden. Sie lächelte Melinda kurz zu.
Larissa nickte. Ihre Wangen waren tiefrot. Birgit berührte sie leicht mit der Hand. Glühendheiß, beinahe etwas verschwitzt.
„Du und Deine Fernsehwangen...“, sie murmelte es kaum hörbar und schon während sie den Satz aussprach war sie sich schon nicht mehr sicher, ob es tatsächlich der Film war, der die heißen Wangen zu verantworten hatte.

Ihr Blick wanderte wieder zu Melinda. Sie wurde von einem Augenpaar fixiert, dass unter der in tiefe Falten gelegten Stirn kaum zu erkennen war. Die Augen waren zu Schlitzen geformt, der Mund zusammengekniffen und Melinda machte nicht den Anschein als wollte sie auf ihre Frage antworten. Birgit zog ihre Augenbrauen vorsichtig ein Stück nach oben und lächelte ihr noch einmal kurz zu, bevor sie sich wieder aufstellte.
Phil beugte sich zu dem Mädchen hinunter, raunte ihr etwas zu, während er Birgit zuzwinkerte. Melinda schüttelte erst ihren Kopf, dann nickte sie heftig. Schließlich seufzte sie, hob kurz die Schultern hoch und lies sich von Phil Richtung Ausgang schieben. Birgit legte ihre Hand auf Larissas Schulter.
Draußen fiel ihr Blick auf das Pärchen, welches eine Reihe vor ihnen gesessen hatte. Als sie sah, wie die junge Frau sich auf ihre Zehenspitzen stellte, um dem jungen Mann zum Abschied ein Küsschen zu geben, spürte sie einen kleinen Stich in der Magengegend. Ob das die Anfänge der ersten, großen Liebe waren? Für einen kurzen Moment stand ihr wie aus dem Nichts ein Bild vor Augen. So vertraut und doch schon fast vergessen, oder wohl eher gehofft, dass es vergessen gewesen wäre. Sie fühlte sich wie vom Donner gerührt und blieb für einen kurzen Moment stehen. Fast unmerklich wanderte ihre Hand auf ihr Dekolleté. Der sanfte Druck auf dem Brustbein beruhigte sie und der Schrecken des Gespensterbildes fiel langsam wieder von ihr ab. Bevor sie weiterging nahm sie einen tiefen Atemzug. Zurück blieb das schale Gefühl, welches sie nur zu gut kannte. Verhasst und vertraut zugleich.
Phil zwinkerte ihr zu. Seine Hand berührte beinahe ihren Arm, während sie liefen. Ihr Lachen war viel zu schrill und zu laut. Aber es half das schale Gefühl zu dämpfen. Locker lies sie ihren Arm wieder fallen, während sie ihren Kopf leicht beugte und Phil mit einem gekonnten Augenaufschlag anlächelte. Aber irgendetwas an diesem Blick war gekünstelt, unecht, auch wenn es nicht zu greifen war.
Im Augenwinkel sah sie den jungen Mann jetzt alleine an der Ecke zur Straße stehen. Er war hübsch anzusehen und hatte bestimmt keine Schwierigkeiten Frauen kennen zu lernen. Birgit hätte viel darauf verwettet, dass sein Handy voller Telefonnummern der unterschiedlichen jungen Frauen war. Als sie kurz ihren Kopf wandte sah sie das Leuchten in seinen Augen. Wieder tauchte das vergessen geglaubte Bild vor ihr auf. Diesmal scheuchte sie es nicht mit ihrem Erstarren weg. Diesmal sah sie ihrem Bild in die Augen und sie erkannte das selbe Leuchten in ihnen. Plötzlich wusste sie wieder warum sie sich auf alles eingelassen hatte – obwohl sie von Anfang an geahnt hatte, dass es nicht gut enden würde. Ein Feuer dass so heiß brennt erzeugt ein so starkes Leuchten, dass es alles um es herum anzieht. Aber es verbrennt und verglüht viel zu schnell. Es lässt Dich alleine stehen in der Dunkelheit, wo Dich nichts mehr wärmen kann.
Sie drückte Larissas Schulter ein wenig fester und seufzte. Der Körperkontakt lies sie langsam wieder auftauchen.
„Wenn ihr wollt, dann können wir euch nach Hause fahren?“, Phil hatte den Kopf leicht schief gelegt und sah sie an.
Eigentlich hätte sie ablehnen und auf ihr Monatsticket verweisen sollen. Wozu bei einem eigentlich fremden Mann ins Auto steigen, dessen Nichte offensichtlich von der ganzen Begegnung nicht besonders begeistert war? Sie sah ihn an und spürte eine leichte Wärme in sich aufsteigen. Aber warum das Angebot ausschlagen und gleich wieder mit den eigenen Gedanken alleine sein? Warum nicht alles noch ein wenig hinausschieben – die Erinnerungen, die Leere und die bohrenden Fragen? Sie nickte Phil zu und lächelte.
Sie unterhielten sich angeregt, während sie zum Auto liefen. Larissa kuschelte sich bei ihr an, sie wirkte erschöpft und müde. Selbst Melinda schien ihr Dauertrotz allmählich zu anstrengend zu werden, und sie lehnte sich bei Phil an.

Montag, 2. März 2009

Auf der Straße I


Lasse hatte seine Hände tief in den Taschen seines Trenchcoats vergraben. Den Kopf vornübergebeugt, den Blick fest auf die Spitzen seiner Schuhe geheftet. Sein Schritt war langsam. Er war mittelmäßig verwirrt, als er neben Agnes den Kinosaal verließ und in die Dunkelheit draußen auf der Straße trat.

„Tschüß dann, ich geh mal so langsam nach Hause...,“ Agnes Hände berührten ihn an den Schultern, als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um ihn links und rechts auf die Wangen ein Küßchen zu geben.
Bei dieser Prozedur umfasste er sie leicht an der Taille und versuchte ihren Blick aufzufangen. Aber ihre Augen wichen ihm aus. Er seufzte leise. Dann kniff er ihr freundschaftlich in die Wange und zwinkerte ihr zu:
„Du wirst sehen: Wenn Du in Deine WG kommst wird Dir gleich irgendwer ausrichten, dass Bastian versucht hat Dich anzurufen.“
Sie nickte leicht, sah ihn aber immer noch nicht an. Dann plötzlich hob sie ihren Blick und zuckte mit ihren Achseln:
„Egal. Nicht so wichtig. Was ist mit Dir und...“, hier zögerte sie einen Moment, fast als würde ihr der Name nicht mehr einfallen, vielleicht war sie sich auch mitten im Satz nicht mehr sicher, ob sie weiter sprechen sollte, „Janina?“
Ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht. Seine dunklen Augen blitzten für einen kurzen Moment auf:
„Weißt Du – Pack schlägt sich und Pack verträgt sich. Ich wette bis heute Nacht um zwölf hab ich eine SMS von ihr. Und wenn nicht -“, hier zuckte er kurz mit den Schultern, „naja, wenn nicht, dann ruf ich sie eben kurz mal an.“
„Kennt ihr euch schon lange?“
„Ne Zeit...“, er dehnte die Worte und wandte kurz den Blick ab, bevor er weiter sprach, „Soll ich Dich nach Hause bringen?“
„Nein danke, wir sind hier ja nicht in der Großstadt wo man fürchten muss in einer dunklen Ecke überfallen und vergewaltigt zu werden. Außerdem ist es noch nicht wirklich spät. Ich wollte noch schnell was einkaufen, bevor ich heim fahre.“
Lasse nickte. Sie streckte sich noch einmal zu ihm hoch, um erneut Küßchen zu verteilen. Er lies es geschehen. Für einen kurzen Moment hatte er den Eindruck, dass Agnes einen ganz kleinen Tick länger als nötig ihre Wange an seine drückte. Im nächsten Augenblick war der Moment verstrichen und er war sich plötzlich nicht mehr sicher. Oder hätte er es nur gern gehabt, wenn es so gewesen wäre? Egal. Hoffentlich behielt er Recht und dieser Bastian würde sich wirklich bei ihr melden. Lasse hatte keine Ahnung, wie er sie noch trösten sollte. Das heißt er hatte da so eine Idee … aber er wurde das Gefühl einfach nicht los, dass seine kleine Schwester ihn ansah, wenn er in Agnes große Augen blickte. Er strich sich kurz über die Stirn, wie um den Gedanken schnell wieder fort zu wischen.
Als sie sich verabschiedeten wandte er sich um und tat als würde er in die andere Richtung fortgehen. Tatsächlich blieb er jedoch nach ein paar Schritten wieder stehen und beobachtete die anderen Kinobesucher, wie sie langsam aus dem Kino gedrängelt kamen. Die meisten waren Kinder zwischen, er war nicht so gut im Alter von Kindern schätzen, aber wahrscheinlich so zwischen fünf und zwölf Jahren. Dazu noch ein paar Erwachsene, für die Kleineren. Aber alles in allem kamen höchstens ein Dutzend Personen aus der Passage, die zum Kino führte, heraus getreten. Seine Aufmerksamkeit fiel auf zwei kleine Mädchen, die stumm und mit gesenkten Köpfen nebeneinander her liefen. Sie stachen ihm ins Auge, weil sie im Gegensatz zu den anderen Kindern so still und überhaupt nicht aufgedreht waren. Und obwohl sie so nah beieinander liefen schienen sie nichts miteinander zu tun zu haben. Das laute Lachen einer Frau lenkte seinen Blick ab. Sie hatte ihre Hand auf der Schulter des einem Mädchen. Die Hand löste sich ein wenig, als sie während dem Lachen ihren Kopf in den Nacken warf. Sie war um einige Jahre älter als Lasse und schenkte ihrem Begleiter, einem Mann so um die vierzig, ein strahlendes Lächeln. Dieser zwinkerte ihr zu. Lasse zog seine Stirn in Falten. Die beiden Erwachsenen flirteten ganz offensichtlich miteinander. Jetzt verstand er die beiden Mädchen viel besser. Das war ja peinlich, wenn die eigenen Eltern sich in der Öffentlichkeit offensichtlich so daneben benahmen! Er sah den Vieren nach, wie sie sich langsam in die Fußgängerzone schoben.
War ich mit meinen Eltern jemals im Kino? Der Gedanke schoss ihn mit einer Plötzlichkeit durch den Kopf. Er konnte sich nicht erinnern.
Warum kann ich mich denn verdammt nochmal nicht an so was erinnern?
Das Surren seines Handys erlöste ihn von der langsam auftauchenden Melancholie. Er nahm es aus der Tasche und sah auf das Display. Eine SMS. Er brauchte gar nicht nachzusehen, er wusste schon von wem die war. Er sah dennoch nach. Sie war von Janina. Mit einem breiten Grinsen schob er es zurück in seine Tasche, ohne die SMS gelesen zu haben. Pack schlägt sich und Pack verträgt sich...