Donnerstag, 12. Februar 2009

Vorsicht Prüfung!


Nachdem ich mit meinem doch schon etwas ältlichem Gehirn Ende des Monats eine Prüfung habe, wird der Block bis dahin nur einmal pro Woche erneuert.
Außer mich packt plötzlich die Langeweile
(was ich momentan nicht ganz glaube)

Ab März wieder gewöhnliche Update-Frequenz Montag & Donnerstag

Montag, 9. Februar 2009

An der Kinokasse II


„Zwei Karten für Studenten.“
Horst zog die Augenbrauen hoch, zog seine dunkle Nickelbrille auf die Nasenspitze und musterte den jungen Mann vor der Glasscheibe über seinen Brillenrand hinweg.
„Zweimal Student, soso“ Er lies seinen Blick weiterschweifen und sah hinter dem jungen Mann eine junge Frau stehen, die sich gerade zu einem Mädchen mit dunklen, langen Zöpfen umgedreht hatte.
Ein Pärchen also.

Horst schnaubte. Er konnte es nicht leiden, wenn frisch verliebte Pärchen in die Nachmittagsvorstellungen gingen. Immerhin kamen nachmittags die Kinderfilme. Diese Pärchen interessierten sich meist nicht für die Filme, sondern saßen lieber knutschend auf einem der Zweisitzer. Horst hatte schon Enkelkinder. Die waren zwischen 5 und 8 Jahren alt. Musste es sein, dass Kinder in dem Alter knutschende Pärchen beobachten müssen anstatt sich in Ruhe ihren Film anzusehen?
Er sah sich den jungen Mann noch einmal genau an, als er ihm die beiden Karten unter dem Glas durchschob. Was er wohl studierte? Dem langen, schwarzen Trenchcoat und dem roten Halstuch nach zu urteilen wohl irgendetwas Extravagantes. Sein Dreitagesbart unterstrich das legere Auftreten, wirkte allerdings nicht ungepflegt. Horst seufzte, dem Äußeren nach zu urteilen war der junge Kerl sicherlich der Typ der im abgedunkelten Kinosaal sein Mädchen verführen will – ganz egal ob es eine Kindervorstellung war oder nicht. Als er das Wechselgeld durchreichte trafen sich für einen kurzen Moment ihre Blicke. Überrascht sah er in zwei offene, helle Augen, die ihn mit einem gewinnenden Lächeln ansahen. Er konnte nicht anders und nickte dem Kerl kurz zu bevor er sich der nächsten Kundin zuwandte. Vielleicht war er ja doch nicht so verkehrt. Er nahm sich vor von der Vorführkammer aus die Beiden im Auge zu behalten.
Als die Mutter für sich und ihre Tochter die Karten gekauft hatte, zwinkerte er dem Mädchen zu:
„Wie alt bist Du denn?“
„Sechs“
„Ah, dann gehst Du schon zur Schule, stimmts?“
Das Mädchen nickte. Horst hob kurz die Hand, um den beiden zu bedeuten einen Augenblick zu warten.
„Ich glaube, ich hab da noch was für Dich“
Das Mädchen streckte ihren Kopf und ging auf die Zehenspitzen. Sie ließ keine seiner Bewegungen aus den Augen. Als sie das große Glas mit den vielen, bunten Gummibärchen in seiner Hand sah huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Mit einer langen Pinzette griff Horst ein paar Bärchen und legte sie in ihre ausgestreckte Hand.
„Dann wünsch ich Dir und Deiner Mutter viel Spaß beim Film.“
„Danke“ Sie schob sich gleich ein Bärchen in den Mund. Ein Rotes.
Die Mutter nickte ihm lächelnd zu und schob dann ihre Tochter in Richtung Kinosaal.
Horst sah den beiden nach. Es war nicht viel los heute Nachmittag. Seufzend schlug er seine Zeitung auf und wartete, ob vielleicht noch ein paar Kunden kommen würden.

Donnerstag, 5. Februar 2009

An der Kinokasse I


Agnes hielt ihren Kopf gesenkt und beobachtete wie ihre Stiefel über das Kopfsteinpflaster liefen. Sie spürte die Hand, die auf ihrer rechten Schulter lag und sie mit ihrem Gewicht ein wenig nach unten drückte. Sie wusste, dass es Lasses Hand war, aber sie wusste nicht ob es ihr angenehm war oder nicht. Sie wollte auch nicht weiter darüber nachdenken. Es war schwer niemanden anzurempeln, wenn man nur auf seine Füße starrte. Aber sie spürte wie die Menschen, die ihr entgegen kamen, automatisch auswichen und sie war froh darüber. Ein buntes Plakat der Kinoauslage zog ihren Blick auf sich. Sie blieb stehen.

„Lasse?“ Sie sah ihn nicht an. Stattdessen betrachtete sie andächtig das Plakat.
„Was ist?“ Sie hörte seine Stimme direkt neben ihrem Ohr. Seine Hand ruhte immer noch auf ihrer Schulter und sie konnte die Wärme spüren, die sein Körper ausstrahlte.
Wenn sie mutig gewesen wäre, dann hätte sie ihn gefragt warum er ihr eigentlich seit dem Seminarende hinterherlief. Aber sie war nicht mutig. Ihn zu fragen hätte bedeutet ihn zu konfrontieren. Von ihm eine Aussage zu erwarten. Sie sog tief Luft in ihre Lungen ein. Es war kalt. Wahrscheinlich wusste er selbst nicht warum er ihr folgte. Dann wandte sie ihm ihren Kopf zu.
„Lust auf Kino?“
Sie konnte seine obere Zahnreihe sehen als er lächelte. Er legte den Kopf schief und nickte kurz in Richtung des Plakates.
„Willst Du in den Film?“
„Warum nicht? Ist glaub ich auch der Einzige, der hier im Nachmittagsprogramm läuft. Insofern ist die Auswahl nicht so groß.“ Sie versuchte ein Lächeln.
Seine Hand drückte kurz ihre Schulter während er mit seinen Achseln zuckte.
„Warum nicht?“ Er nahm die Hand fort, als er sich Richtung Kasse drehte.
Plötzlich war ihre Schulter kalt. Sie konnte die Wärme seiner Finger noch fühlen, aber es wurde langsam kälter. Und sie fühlte sich wieder leichter an. Sie zog sie kurz hoch um sie gleich darauf wieder fallen zu lassen. Erneut fiel es ihr schwer zu entscheiden was angenehmer war: Die Hand auf der Schulter oder die Kälte, die sie hinterlassen hatte.
Sie stellte sich hinter Lasse an die Kasse und als er zwei Karten bestellte und seinen Geldbeutel zückte hätte sie eigentlich protestieren müssen. Aber sie sagte nichts. Nicht dass sie unbedingt eingeladen werden wollte - sie hätte auch selbst bezahlen können. Sie verschränkte ihre Arme über ihrem Bauch und drückte sie fest an sich. Sie wollte nicht wirklich eingeladen werden, aber sie wollte auch keine Diskussion mit Lasse anfangen. Um ganz ehrlich zu sein, war es ihr egal, sie hatte keine Kraft, um sich über so eine banale Frage Gedanken zu machen. Aber war es wirklich banal, ob sie sich von Lasse einladen lies oder nicht? Sie blies hörbar die Luft zwischen ihren Lippen aus, bis diese durch den Luftstrom bewegt wurden. Ein Kichern neben ihr lies sie umsehen. Da stand ein kleines Mädchen, das sie mit großen, dunklen Augen anstrahlte und auch die Luft hörbar ausatmete. Dabei streckte sie ihre Zunge noch raus mit dem Ergebnis, dass feine Spucketropfen aus ihrem Mund strömten.
„Larissa!“ Ihre Mutter zog sie energisch an der Hand. Sie sah sehr aufgebracht aus, aber das Mädchen schien wenig beeindruckt.
Agnes lächelte schwach, bevor sie sich wieder umwandte. Lasse hielt ihr die Karten vor die Nase und zwinkerte ihr zu. Als sie sich mit ihm von der Kasse abwandte spürte sie den Blick des Kassierers in ihrem Rücken. Sie schloss für einen kurzen Moment ihre Augen und sah sein Gesicht deutlich vor sich. Wie er sie beide mit seinen verwaschenen Augen über seine schwarzgeränderte Nickelbrille inspizierte und dabei unentwegt auf einem Zahnstocher kaute. Agnes lief ein Schauer über den Rücken, als sie daran dachte. Mit seiner einen Hand hatte er ständig die lockigen, grauen Haare gezwirbelt, so als wisse er mit seinen Händen nichts anzufangen. Sie zog ihre Stirn in Falten und drehte sich noch mal zu dieser seltsamen Gestalt um. Wieso ließ man solche Leute die Kasse machen? Da kommt doch irgendwann keiner mehr! Zu ihrer Überraschung kümmerte sich der seltsame Kauz überhaupt nicht mehr um sie oder um Lasse. Stattdessen war er völlig damit beschäftigt dem kleinen Mädchen Süßigkeiten aus einer Dose anzubieten und mit der Mutter zu sprechen. Agnes kniff ihre Lippen zusammen. Seltsam, wie er mit dem Mädchen und der Frau umging wirkte er mit einem Mal viel netter.
„Popcorn?“ Lasses Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
Schon wieder eine Frage und schon wieder wusste sie keine Antwort. Sie zog ihre Schultern hoch. Lasse schien es als ein „Ja“ zu werten.
Als sie den dunklen Kinosaal betraten spürte sie seinen warmen Körper neben sich. Wieder konnte sie sich nicht entscheiden, ob ihr das angenehm war oder nicht. Seufzend griff sie in das Popcorn, das Lasse ihr hinhielt.

Montag, 2. Februar 2009

Draußen, Fußgängerzone II


„500 Gramm gebrannte Mandeln, bitte.“ Bernd warf einen prüfenden Blick Richtung Himmel, bevor er die Nüsse entgegen nahm. Trocken und noch nicht richtig dunkel. Er sah sich um, nahm dann den großen, schwarzen Koffer und stellte sich an einen der Stehtische.
Ein Herr mit schwarzgeränderter Brille, der am Nachbartisch stand, starrte mit leicht geöffneten Mund auf seinen Koffer. Bernd nickte ihm zwischen zwei Nüssen zu, woraufhin der Herr schnell seinen Blick abwandte und begann in seinen Taschen zu wühlen. Bevor er sich mit hastigen Schritten entfernte, sah er sich nach allen Seiten um. Bernd zuckte mit den Achseln und lies seinen Blick über den Platz schweifen.

Sein Blick blieb an einem alten Mann hängen. Vornübergebeugt saß der Alte auf einer der Bänke am Rande des Platzes. Sein Blick war hinter seinen strähnig-fettig dunklen Haaren versteckt. Bernd runzelte die Stirn und sah ihn genauer an. Das dunkle Jackett mit feinen Nadelstreifen sah vorne an den Ärmeln sehr abgewetzt aus. Außerdem konnte Bernd ein Loch an der einen Tasche ausmachen. Die dunkle Hose sah dagegen noch relativ neu aus. Bernd zog die Augenbrauen hoch, als sein Blick zu den Schuhen wanderte. Sie waren frisch geputzt und glänzten wie neu. Der Alte hielt eine Papiertüte in der Hand und warf mit einer ruhigen, gleichmäßigen Bewegung der anderen Hand von Zeit zu Zeit ein paar Brotkrümel auf das Kopfsteinpflaster zu seinen Füßen. Dort hatte sich ein ganzer Schwarm Tauben und Spatzen gesammelt. Emsig liefen die Vögel vor ihm auf und ab. Ein paar Vorwitzige sprangen sogar zwischen seinen Füßen herum. Bernd holte tief Luft, während er das ganze Bild auf sich wirken lies. Der Alte, dessen Blick man nicht sehen konnte und die Vögel, die ihn mit großen und leeren Augen anstarrten. Er spürte einen kleinen Stich und wandte seinen Blick ab. Das Bild rührte ihn. Wahrscheinlich war der Alte ein Penner, stank 100 Meter gegen den Wind nach Alkohol. Aber warum sollte ein Penner, der selbst kein Geld hat, seine Brötchen an Vögel verfüttern? Vielleicht war er auch einfach nur ein verwirrter, armer Mann? Einsam. Wie musste man wohl gelebt haben, um eines Tages so zu enden? Bernd holte noch einmal tief Luft, bevor er seinen Blick weiter wandern lies.
Direkt neben dem Alten hatte sich eine alte Dame mit einem jungen Mann gesetzt. Die Dame sah deutlich gepflegter aus als der Alte. Bernd runzelte die Stirn, als er bemerkte wie sie sich mit einer Hand an ihren Schal klammerte, während sie die andere fest bei dem jungen Mann untergehakt hatte. Sie hielt den Schal so fest, als sei es ein besonderer Schatz. Der Abstand auf der Bank zwischen der Dame und dem Alten machte unmissverständlich deutlich, dass die drei wohl nicht zusammengehörten. Wahrscheinlich führte die Oma ihren Enkel aus, oder umgekehrt. Bernd musste schmunzeln, als er bemerkte wie sich die alte Frau an den jungen Mann lehnte. Wäre der Altersabstand zwischen den Beiden nicht, hätte er genauso gut glauben können, dass es sich um ein Liebespaar handeln würde.
Die letzte Nuss lenkte seine Aufmerksamkeit wieder zurück zu seinem eigentlichen Vorhaben. Er warf noch einen Blick zum Himmel. Immer noch Trocken und bereits etwas Dunkler. Achselzuckend packte er erneut seinen großen, schwarzen Koffer und schleppte ihn diesmal quer über die Straße, direkt neben das Schild, dass diesen Platz für Straßenkünstler auszeichnete. Während er bedächtig den Inhalt seines Koffers auspackte und zurechtlegte beobachtete er im Augenwinkel die Menschen, die an dem Platz standen oder saßen. Das Herrichten der Utensilien war für Bernd bereits Teil der Aufführung. Je neugieriger er die Menschen machen konnte, um so mehr blieben stehen. Und mit jedem der stehen blieb wuchs die Wahrscheinlichkeit dass einer von ihnen Geld in seine Mütze werfen würde. Bernd hatte sich ganz große Straßenkünstler zum Vorbild genommen und ahmte deren große, bedeutungsschwere Bewegungen nach. Der Erfolg war allerdings mäßig. Als er endlich die erste Fackel anzündete standen nur wenige Menschen in seiner Nähe. Er seufzte und nahm sich vor diese Prozedur vor seinen Freunden zu verfeinern. Aber als er die Musik anstellte, die er mit viel Sorgfalt ausgewählt hatte um seine kleine Show zu begleiten, blieben schon mehr Menschen stehen. Bevor er mit brennenden Fackeln jonglierte verschaffte er sich zunächst immer Aufmerksamkeit in dem er große Feuerfontänen spukte. Den Höhepunkt seiner kleinen Show wollte er heute mit dem brennenden Diabolo markieren. Aber bis dahin war noch etwas Zeit.
Gerade als Bernd die zweite Fontäne gespuckt hatte, und sich bereits ein größerer Kreis um ihn gebildet hatte, erkannte er ein Bekanntes Gesicht mit dunklen Haaren und Drei-Tages-Bart.
„Hallo Lasse!“, formten seine Lippen ohne die Worte auszusprechen.
Der Angesprochene verstand ihn dennoch. Er verlangsamte seinen Schritt und nickte ihm flüchtig zu. Bernd runzelte die Stirn. Normalerweise blieb Lasse stehen und blieb bis zum Ende der Show, wenn er schon vorbei kam. Da bemerkte er, dass Lasses Arm mit einer anderen Person verbunden war. Eine junge Frau mit grüner Mütze, die mit schnellen Schritten leicht vornüber gebeugt marschierte. Bernd blies eine kleine Fontäne in ihre Richtung, um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten. Ohne Erfolg. Er sah noch einmal zu Lasse, bemerkte dass dieser ihn immer noch ansah und formte eine Frage mit seinen Lippen.
„Ist das Deine neue Freundin?“
Lasse lächelte schwach und zuckte mit seinen Achseln. Hatte er ihn nicht verstanden? Bevor Bernd noch einmal fragen konnte war Lasse schon in der Menge verschwunden. Die ganze Szene hatte nur wenige Sekunden gedauert. Er musste sich jetzt wieder auf die Show konzentrieren, bevor er das Publikum vergraulen würde. Seufzend entzündete er zwei weitere Fackeln für die Jonglage.