Mittwoch, 15. April 2015

Wie du nicht bist


In unseren guten Momenten war es egal, ob wir redeten oder schwiegen, wir waren uns nah und ich wusste, wenn ich falle, du fängst mich. In den schlechten gab es keinen Weg zu dir, ich geriet ins Stolpern, stürzte, suchte nach deiner Hand und griff ins Leere. Ich war überzeugt die schlechten Momente würden verschwinden, wenn es mir nur gelingen könnte an unsere Liebe zu glauben. An dich zu glauben.

Weil du nicht über deine Vergangenheit gesprochen hast, habe ich mir eine für dich augedacht:


Es musste etwas Dramatisches passiert sein, etwas, das deine Angst rechtfertigte. Ich malte mir deinen Vater aus, der sich liebevoll um dich und deine Mutter kümmerte. Bis ihm ein Missgeschick passierte und er von einem Tag auf den anderen mittellos dastand. Von diesem Versagen konnte er sich nie wieder erholen und beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Ich sah dich als kleinen Jungen mit ihm auf einer Brücke stehen. Eine letzte Umarmung bei der der Wind euch in einer Fontäne aus Blättern verbirgt. Es ist so kalt, dir gefrieren die Tränen auf den Wangen. Langsam löst er sich von dir, du willst ihn halten, greifst in die Luft. Du siehst, wie er auf das Geländer steigt. Er wirft dir über seine Schulter einen letzten Blick zu. Du willst zu ihm rennen, ihn aufhalten ehe er den Schritt in den Abgrund macht. Doch du kannst dich nicht bewegen. Im nächsten Moment fällt er, kerzengerade, als stünde er auf einem Podest, und verschwindet aus deinem Blickfeld. Du weißt, du wirst ihn nie wieder sehen. Deine kleinen Arme strecken sich, dein Mund öffnet sich. Du willst ihn rufen, aber von deinen Lippen löst sich kein Ton. Cut.
Du willst um deinen Vater weinen, doch das geht nicht, denn deine Mutter braucht deine Stärke. In diesem Moment weißt du, die Kindheit ist vorbei. Dennoch, all dein Bemühen ihre Tränen zu trocknen reicht nicht aus. Es ist nicht genug. Es kann nicht genug sein. Fünf Jahre später verlässt sie dich. Sie stirbt an gebrochenem Herzen. Du hast genauso lange mit ihr alleine gelebt, wie die Zeit, die du mit beiden verbracht hast. Die unbeschwerte Zeit, an die du dich schon nicht mehr erinnern kannst, weil sie ein Leben weit weg liegt. Du hast gelernt, all deine Liebe wird niemals ausreichen alte Wunden zu heilen. Also schließt du sie ein, die Liebe. Ganz tief in deinem Herzen, wo du nicht mehr hinkommst. Zusammen mit dem Schmerz und der Wut. Den Schlüssel versenkst du im Meer, dort, wo es am tiefsten ist. Das Grab deiner Eltern besuchst du nie wieder. Unkraut überwuchert es und du wünschst dir, dieses Unkraut könnte auch in dir wachsen, die Erinnerungen überdecken. Du beschließt, nie wieder zu fühlen. Es geht so lange gut, bis sie dich findet. Zum ersten Mal nach all den Jahren fühlst du deinen Herzschlag wieder, weil dieses dumme, kleine Herz aus dem Takt gerät, wenn sie dich ansieht oder ihre Hand dich im Vorübergehen streift. Plötzlich ist da ein Kribbeln unter deiner Haut und du denkst, jetzt ist es soweit, jetzt wird er dich holen. Du willst zum Arzt, dir die Bestätigung geben lassen, bis du begreifst es ist keine lebensbedrohliche Krankheit an der du leidest. Du bist verliebt. Du hast keinen Schimmer wie sie es geschafft hat, sie muss nach dem Schlüssel getaucht sein um die Liebe aus deinem Herzen zu lassen. Doch du glaubst es nicht auszuhalten, denn mit der Liebe sind auch der Schmerz und die Angst wieder da. Wären da nicht ihre Hände, die dich halten, ihr Mund, der sich auf deinen legt und dir Leben einhaucht und ihr Blick, der dich nicht mehr aus den Augen lässt. Endlich begreifst du, sie ist das Beste, was dir je passieren konnte.
Ihr bekommt ein Kind zusammen. Es ist Wahnsinn, sagen alle, ihr seid doch viel zu jung. Aber ihr wisst, es ist richtig. Weil ihr zusammengehört. Niemand kann euch trennen, glaubst du und weißt nicht, wie sehr du dich irrst. Er kann es und er kommt, nimmt sie an der Hand und führt sie fort. Du und das Kind, ihr bleibt zurück. Er bringt sie dorthin, wohin du nicht folgen kannst, wohin du schon Vater und Mutter nicht folgen konntest. Du hältst es nicht aus. Nächtelang rufst du nach ihm, verlangst, er soll kommen und auch dich holen. Lässt das Fenster offen stehen, starrst auf den nachtblauen Himmel und wartest. Doch er kommt nicht. Er lacht über dich.
Schließlich ist es das Kind, das dich wieder ins Leben zurückholt. Du tust es für sie, für eure Liebe und beginnst von Neuem zu lieben. Doch eines hast du dir geschworen. Niemanden sonst wirst du je wieder lieben. Niemanden, außer dem Kind, denn da kannst du nicht anders. Jede Nacht schläfst du ein mit der Angst im Nacken er könnte kommen und es mitnehmen. Jeden Morgen erwachst du und bist froh, weil er fortgeblieben ist. Aber du weißt der Schein ist trügerisch. Du weißt er wird kommen, eines Tages, wenn du nicht mehr an ihn denkst.

Schön, oder? Zugegeben, ich trug dick auf. Aber du hast auch dick aufgetragen mit deiner plötzlichen Angst vor meiner Nähe. Ich wachte also in deinem Bett auf. Alleine. Das fahle Licht der Straßenlaterne leuchtete durch das Fenster und ich wusste, du konntest noch nicht aufgestanden sein. Du warst geflohen. Ich wunderte mich nicht. Der Sex war anders gewesen. Beliebig, austauschbar, so, wie ein Fastfood-Menü nur den schnellen Hunger befriedigt. Wir hätten mit irgendwem Sex haben können. Als würden wir uns küssen, in Gedanken aber längst durch die Tür sein.
Ich stand auf und fand dich auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Was ist passiert? Wollte ich fragen, doch ich traute mich nicht. Ich schlich zurück in dein Bett und starrte solange auf die kahle Wand, die das Bild neben dem zweibeinigen Tischchen zurückgelassen hatte, bis mir die Augen zufielen.

Kommentare:

  1. Das hier ist ein Auszug aus meinem Projekt:
    "Schwarze Witwen lieben nicht"
    Ein bisschen angepasst, dass man es auch verstehen kann, ohne den Rest zu kennen.
    Zumindest hoffe ich das! :)
    Viele Grüße,
    Kryps

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  2. Schwarze Witwen paaren sich doch. Wer weiß, dass sie sich nicht lieben?

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  3. Naja, paaren schon, aber die Weibchen fressen anschließend die Männchen auf.
    Das "lieben nicht" ist eine Anspielung darauf.
    Aber Du hast Recht, vielleicht ist das ja ein Liebesbeweis - wer weiß? ;)
    Grüße,
    Kryps

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  4. In Anbetracht dessen kriegt der Ausspruch "Ich hab dich zum Fressen gern" eine völlig neue Wendung. Leidige Diskussionen in der Partnerschaft hat diese Spezies genial gelöst.

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  5. Ja, da könnte man sich direkt eine Scheibe von abschneiden, hmm? ;)
    Wobei, dafür müssen sie sich dann alleine um den Nachwuchs kümmern ...

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