Montag, 29. Dezember 2008

Weihnachtsmarkt II

„Flynn, warte!“, Birgit schob sich die dicke, rote Wollmütze aus dem Gesicht und beschleunigte ihren Schritt. Ein Unterfangen, dass sie nahezu sofort wieder aufgab, denn die beiden kleinen Mädchen, die sie links und rechts an ihren Händen führte begannen massiv zu protestieren. Warum hatte der liebe Gott ihr nicht drei Hände gegeben? Wie sollte sie auf alle aufpassen, wenn der Achtjährige sich immer wieder selbständig machte? Dabei hatte sie dem Kleinen doch eben erst erklärt wie wichtig es ist an dem großen Platz ganz dicht an ihrer Seite zu bleiben, damit ihn ja kein Bus überfährt. Flynn schien wenig beeindruckt von ihrem Rufen. Er rannte quer über den Platz und war einige Augenblicke später zwischen zwei Holzbuden verschwunden.Birgits Körper spannte sich an. Erst als Larissa neben ihr anfing zu quengeln wurde ihr bewusst, dass sich ihre Hände wie zwei Schraubstöcke um die kleinen Finger der Mädchen legten. Seufzend lockerte sie ihren Griff ein wenig, während sie erneut versuchte ihren Schritt zu beschleunigen. Annika, mit ihren fünf Jahren die Jüngste, stolperte und wäre wohl auf die Nase gefallen, wenn Birgit sie nicht festgehalten hätte. Erschrocken fing die Kleine an zu weinen.
„Ist Flynn jetzt verloren?“, Larissa sah sie mit großen Augen an. Sie schüttelte den Kopf, während sie Annika auf den Arm nahm, um sie zu trösten, aber auch um schneller laufen zu können.
„Nein, ich schätze ich weiß wo wir ihn finden.“
„Hast Du nicht gesagt, dass er bei uns bleiben soll?“
Sie zog ihre Stirn in Falten, nickte und murmelte etwas Undeutliches. Es war nicht schön von einer Sechsjährigen auf die eigenen Unzulänglichkeiten aufmerksam gemacht zu werden. In diesem Moment erschien ein dunkler Schopf zwischen zwei Holzbuden.
„Tante Biggi, beeilt euch, es fährt gleich wieder los!“, ungeduldig trat der kleine Fratz von einem Bein auf das andere und sah sie mit leuchtenden Augen an.
Sie spürte ein Ziehen in der Magengegend, fixierte den Jungen mit zusammengezogenen Augenbrauen und knurrte halb ernst, halb zum Spaß: „Wenn Du jetzt nicht sofort her kommst und Annikas Hand ganz fest hältst, dann überlege ich es mir anders und wir gehen überhaupt nicht mehr zum Karussell!“
Sie spürte einen Stich im Herzen, als das Leuchten aus Flynns Augen einem glasigen Blick wich.
„Aber Du hast doch versprochen!“, seine Stimme zitterte. Annika schaute alarmiert auf und fing im nächsten Moment an zu weinen: „Ich will aber Karussell fahren!“
Sie tauschte einen kurzen Blick mit Larissa während dem sie für einen Moment beinahe entschuldigend ihre Augenbrauen hochzog. Larissa seufzte und sah prüfend die vorbeigehenden Passanten an.
Birgit sah Flynn mit einem durchdringenden Blick an, während sie Annika wieder auf der Erde absetzte.
„Also schön,“, knurrte sie, „dann nimm Annika jetzt an der Hand, damit wir gemeinsam zum Karussell laufen können. Ich will nicht, dass Du wieder verloren gehst – was soll ich Deiner Mutter sonst heute Abend erzählen?“
Im selben Augenblick begannen Flynns Augen wieder zu strahlen und er ergriff eifrig Annikas Hand, die wohl nicht so schnell umschalten konnte, nachdem sie immer noch leise schniefte. Larissa seufzte fast unhörbar und konzentrierte ihren Blick auf ihre Füße. Endlich beim Karussell angekommen bedeutete Birgit den Kindern zu warten, bis sie die Karten geholt habe.
Als sie zurück kam hielt sie kurz ihren Atem an. Entgegen ihrer Erwartungen, dass die Kinder das Karussell und sie nicht aus den Augen lassen würden standen diese mit dem Rücken zum Karussell und reckten ihre Köpfe in die andere Richtung. Sie stockte in ihrer Bewegung und folgte den Blicken der drei Kleinen. Dort standen zwei Jugendliche an einem Stehtisch. Standen war nicht ganz richtig, der eine sprang laut grölend auf und ab während der andere ihm lachend zuprostete. Sie kniff ihre Augen zusammen während sie hörbar ausatmete. Waren die etwa am helllichten Tage schon betrunken? Sie knurrte. Konnten die sich nicht wo anders betrinken? Unerhört war das, genau neben dem Kinderkarrussel – damit die Kleinen bei solchen Vorbildern noch auf dumme Gedanken kamen. Wo Flynn sich ohnehin jeden Unsinn absah. Schnell schob sie sich zwischen die Kinder und die beiden Betrunkenen. Gerade noch rechtzeitig bevor Flynn auf diese zugehen konnte. Sie beugte sich zu ihren drei Schützlingen hinunter, legt ihre Arme um sie und bugsierte sie sanft wieder in Richtung Karusell.
„Los, ihr wollt doch Karussell fahren – auf der anderen Seite könnt ihr euch die besten Plätze sichern!“. Alle drei drehten sie sich beim Weggehen immer wieder zu den Großen um.
„Was ist mit den beiden Männern?“, Larissa sah sie mit großen Augen an, doch sie schüttelte nur ihren Kopf und schob Larissa bestimmt weiter. Als Flynn stolperte packte sie ihn bei der Hand und zog ihn mit sich. Diesmal ignorierte sie seinen lauten Protest. Wie zufällig glitt ihr Blick zurück und ihr Herz machte einen kurzen Satz, als sie den Blick des Tänzers sah. Sie sah, wie er zu seinem Freund etwas sagte, beide dann mit breitem Grinsen zu ihr und den Kindern hinüber sahen. Sie zwinkerte – hatten sie ihr jetzt zugeprostet? Machten sie sich etwa über sie lustig? Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und war froh, dass die Kinder sich nach ein paar Schritten wieder vom Karussell ablenken ließen. Als die Drei kurz darauf jauchzend ihre erste Runde auf dem Karussell fuhren, dachte sie noch einmal an diese kurze Begegnung zurück. Was war das überhaupt für ein Akzent gewesen mit dem der eine gesungen hatte? Russisch? Deutsch jedenfalls nicht! Bei der dritten Runde schweifte ihr Blick über den Platz und blieb auf der anderen Seite an dem Tisch hängen. Jetzt stand nur noch einer dort drüben. Sie kniff ihre Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sie war sich nicht ganz sicher, aber sie glaubte, dass der mit den kurzen, blonden Haaren der gewesen war, der sich nicht getanzt hatte. Ein stilles Lächeln umspielte seine Züge. Seltsam, ihr war als gäbe er ein Bild des stillen Friedens ab, als er so mit dem Kopf in beide Hände gestützt an dem Tisch stand. Ihr entfuhr ein Seufzen und sie spürte einen Stich im Herzen, als sie sich in diesem jungen und stillem Gesicht verlor. Wie alt er wohl sein mochte? Noch keine achtzehn. Ihre Wimpern zitterten, es war als würde sie in dem Spiegel des jungen Gesichtes ihr eigenes auftauchen sehen. Jung und unbeschwert, voller Hoffnung und noch nicht gelebter Träume. Ihr Nasenflügel begann zu zittern, während sie schwer ihren Kopf senkte. Dann wurde sie abgelenkt, denn Flynn fuhr auf einem der Pferde an ihr vorbei und riss jauchzend seine Arme in die Luft. Sie lächelte und winkte ihm zu. Aber Flynn achtete nicht auf sie, mit großen Augen sah er zu dem Jugendlichen. Dieser sah plötzlich nicht mehr friedlich sondern irgendwie düster aus. In diesem Moment tauchte sein Freund mit zwei neuen Tassen auf. Sie hob ihre Augenbrauen, als sie beobachtete wie er dem Freund kurz zuprostete und seine Tasse beinahe in einem Zug leerte.
Nach dieser dritten Runde sammelte sie ihre Schützlinge wieder ein und machte sich unter Protesten auf den Weg nach Hause. Auch die beiden Jugendlichen schienen sich zum Gehen bereit zu machen. Sie folgte ihnen mit ihrem Blick und beobachtete wie der eine dem Blonden einen Schubs gab. Es kam zu einem Gerangel, und plötzlich fiel der eine auf einen Passanten. Dieser war ein wenig älter als die Beiden. Er hatte Glück, denn er fiel genau auf einen seiner Begleiter und konnte sich so auf den Beinen halten. Sie hielt den Atem. Nach einem beinahe endlos erscheinenden Blick lösten sich die vier voneinander. Der Blonde packte seinen Freund am Arm und zog ihn mit sich fort. Hörbar atmete sie aus, die anderen schienen keine Anstalten machen ihnen zu folgen. Einen Augenblick später waren der Blondschopf und sein Freund zwischen den Ständen verschwunden.
„Gehn wir jetzt nach Hause?“, Annika zupfte sie am Ärmel und sah sie schniefend mit großen Kulleraugen an. Widerstrebend löste sie ihren Blick und sah zu Annika hinunter.
„Aber ja doch“, mit einem schwachen Lächeln hob sie die Kleine auf ihren Arm. Sie strich Flynn und Larissa über den Kopf.
„Habt ihr Lust auf einen heißen Kakao?“ Mit begeisterten Rufen umsprangen die Beiden sie.
Ihr Lächeln war längst wieder erloschen und ihr Blick weit fort gerichtet, als sie mit den Kindern den Weg nach Hause antrat.

Kommentare:

  1. Hmm,
    also im Nachhinein war es ja schon eine Schnapsidee, so kurz vor Weihnachten mit dem Weihnachtsmarkt anzufangen - nachdem jetzt das ganze Weihnachten schon wieder vorbei ist und wahrscheinlich keiner mehr was davon hören will...
    Naja, aber die nächste Figur wird ja nicht mehr dort sein & ich verspreche sie denkt höchstens an Glühwein, aber nicht mehr an "den Weihnachtsmarkt" :).
    Ursprünglich wollte ich diese Geschichte aus der Sicht von einem der Kinder schreiben, aber während dem Schreiben kam immer wieder Birgits Sicht ins Spiel. War einfacher. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.
    Wünsche trotzdem viel Spaß beim Lesen!

    Gruß

    Kryps

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  2. hallo,

    mir gefällt es, wie du schreibst. Ist ein anregender virtueller Ausflug in die Heidelberger Innenstadt. Flynn ist ja auch ein besonders schöner Jungenname! Liebe Grüße Christine

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  3. Hallo Christine,

    vielen Dank für Dein Kompliment!
    Ja, ja Flynn find ich auch ganz besonders toll - aber es soll ja Leute geben, die den Namen nicht so schön fanden - können wir beide nicht verstehen, oder? ;)

    Grüße

    Kryps

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