Donnerstag, 29. Januar 2009

Worte


vielsagende, bedeutungsschwangere, einfühlsame,
bösartige, dahingeschmetterte, verletzende,
nichtssagende
Worte.

Weißt Du immer genau was Du sagst?
Sagst Du immer, was Du denkst?
Was bringt Dich zum Schweigen, lässt Dich Deine Worte wieder hinunterschlucken?

Letzte Worte.
Was wirst Du sagen?
Wirst Du noch sprechen können?
Was wird Dir wichtig sein, in dem Moment wo Dein Leben wie ein Kartenhaus zusammenfällt?
Wirst Du dann endlich sagen was Du fühlst?
Wirst Du all das aussprechen, was Du Dich nie getraut hast auszusprechen?
Wirst Du schweigen, allein sein mit Dir?

Reden ist Silber – Schweigen ist Gold?
Bereust Du, was Du gesagt hast?
Platzt Du, weil Du nichts sagst, zu lange schweigst?
Es ist gar nicht so leicht, immer das „Richtige“ zu sagen.
Und es ist gar nicht so leicht auszuhalten nichts zu sagen, weil Du Dich das Eigentliche nicht aussprechen traust.

Reden,
Reden über den Kloß im Hals, der mich zum Schweigen bringt.
Wird er dadurch Kleiner?
Und doch nichts sagen können.

Wünsche Dir, dass Du das Eigentliche aussprechen kannst.
Hoffe für Dich, dass nichts Wesentliches Ungesagt bleibt.
Dass Du nie bereuen musst geschwiegen zu haben.
Dass Du Schweigen kannst, wenn es Nichts zu sagen gibt.

Montag, 26. Januar 2009

Draußen, Fußgängerzone I


Babett stützte sich auf Rainer. Ihr Atem ging schwer, die Augen sahen müde aus, aber ihr Gesicht leuchtete immer noch. Mit ihrer freien Hand hielt sie den neuen Schal fest umklammert, der ihren Hals schön warm hielt. Rainer schielte aus dem Augenwinkel zu ihr.
„Sollen wir uns kurz auf die Bank dort vorne setzen?“ Er deutete auf den kleinen Platz schräg gegenüber von dem Esprit Laden.

Sie überlegte einen Moment und nickte dann. Vor dem Stand mit den Crepes hatte sich eine lange Schlange gebildet und alle Bänke waren, trotz der Kälte, ganz oder zumindest teilweise besetzt. Am Stand daneben, wo Nüsse verkauft wurden, war auch einiges los. Sie setzten sich zu einem alten Mann, der mit einem Brötchen Tauben fütterte. Seine Hände zitterten leicht. Er achtete nicht auf sie, als sie ihm kurz zunickte. Sein Blick war fest auf die Vögel geheftet.
Babett saß zwischen den beiden Männern, ganz nah an Rainers Seite. Sie spürte seine Wärme und dachte kurz darüber nach wie lange es her war, dass sie so dicht an der Seite eines Mannes gesessen hatte. Dann wischte sie den Gedanken wieder fort. Sie schielte zu dem alten Mann neben sich und bemerkte, dass er immer wieder einen schnellen und unruhigen Blick über den kleinen Platz wandern lies. Ihr wurde ein wenig unbehaglich zu Mute und sie rückte näher an Rainer heran.
„Sollen wir Platz tauschen?“ Ganz leise hörte sie Rainers Stimme an ihrem Ohr.
Sie hob den Kopf, um ihn in die Augen zu sehen, in diese klaren eisblauen Augen, und schüttelte lächelnd den Kopf.
Auf der anderen Seite, vor einer Häuserwand stand ein Feuerspucker. Es schien als wollte er das Dämmerlicht für sein Geschäft ausnutzen. Babett war froh, dass sie weit von ihm entfernt saß, als er seine brennenden Keulen in schwindelnde Höhen warf. Ein junges Paar kam vorbei. Der Kerl bremste seinen Schritt, um dem Feuerspucker zuzusehen. Aber das Mädchen lief einfach weiter. Er hielt sie nicht in seinem Arm. Stattdessen hatte er eine Hand auf ihre Schulter gelegt. Babett runzelte die Stirn. Das Mädchen musste schöne Haare haben. Unter ihrer grünen Mütze quollen dicke, lockige Strähnen hervor. Ihr Begleiter beeilte sich wieder mit ihr Schritt zu halten, als der Abstand zwischen ihnen so groß wurde, dass er ihre Schulter hätte loslassen müssen. Er sagte etwas zu ihr, sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen und ging mit hängenden Schultern weiter. Hatten sie gestritten? Babett sah ihnen nach, bis sie in der Menschenmenge wieder verschwunden waren und seufzte.
Langsam wurde ihr kalt. Aber sie wollte diesen Moment so lange wie möglich auskosten. So lange wie möglich mit diesem eigentlich fremden, jungen Mann auf der Bank sitzen und das Treiben auf dem Platz beobachten. Ihre eine Hand hielt immer noch den Schal. Leicht lehnte sie den Kopf zu ihm hinüber.
„Danke“ Es war nur ein leises Murmeln, dass aus ihrer tiefsten Seele kam. Eigenartig, wie die wichtigsten Worte manchmal so leise ausgesprochen wurden, dass sie leicht überhört werden konnten.
Rainer antwortete nicht, aber in ihrem Augenwinkel sah sie wie er lächelte während er ganz kurz zu ihr sah und ihren Arm drückte.
Lächelnd schloss sie ihre Augen.
`Das wäre ein schöner Moment, um zu sterben...`, schoss es ihr durch den Kopf.
Aber sie starb nicht. Ihr Herz schlug im regelmäßigen Takt weiter, während sie immer noch lächelnd ihre Augen noch einen Moment geschlossen hielt, um die Wärme besser spüren zu können.

Donnerstag, 22. Januar 2009

Im Esprit-Laden II


Constantin stand da und trat von einem Bein auf das andere. Seine Kollegin hatte ihn in den vorderen Bereich des Ladens geschickt, um suchende Kundinnen anzusprechen. Im Moment waren drei Kunden vorne. Alle hatte er gefragt, aber niemand wollte seine Hilfe. Er fing an die Pullover an dem Kleiderständer vor ihm zu sortieren. Nach Farbe. Immer wieder streifte sein Blick den Eingang. Im Ladenradio erklang ein neues Lied. Supergirl.
`Das hat auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel`, schoss es ihm durch den Kopf. Er summte trotzdem mit. Ganz leise, um die Kunden nicht zu stören. Das Geräusch der sich öffnenden Schiebetür riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah einen Mann, so um die Dreißig, mit einer alten Frau am Arm durch die Tür schlendern. Die Frau ging zögernd und sah sich mit weit geöffneten Augen um. Constantin legte seinen Kopf schief. Er fand sie zu alt für diesen Laden, der junge Mode für moderne Menschen verkauft.

`An ihrer Stelle wäre ich auch unsicher. Was will er bloß mit ihr hier? Könnten doch zum Kaufhaus gegenüber gehen.` Constantin seufzte. Er war unentschlossen, ob er die Beiden ansprechen sollte. Er entschied sich noch einen Moment zu warten und hoffte insgeheim, dass sie irgendwas tief im Inneren des Ladens suchen würden. Schuhe vielleicht, die waren einen Stock tiefer. Dann müsste er sich nicht um dieses seltsame Paar bemühen. Um die Frau, die doch viel zu alt war. Vielleicht suchten sie ja etwas für ihre Enkelin oder so. Der Mann lächelte ihr zu und zog sie weiter in den Laden.
„Mal sehen, Babett, wo sie hier Schals haben...“ Er sah sich um.
Constantin seufzte. Mist! Schals waren im Winter natürlich vorne, damit potentielle frierende Kunden sie eventuell im Vorbeigehen von der Straße aus sehen konnten. Er näherte sich den beiden von der Seite und räusperte sich.
„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“
„Klar!“, der Mann drehte sich mit einer schwungvollen Bewegung zu ihm und lächelte ihn mit geöffnetem Mund an. „Wir suchen einen Schal“, mit einem noch breiteren Lächeln in Richtung der alten Frau, „für meine reizende Begleitung hier!“
Die Frau lachte auf, schüttelte den Kopf und tätschelte mit ihrer freien Hand seinen Arm.
„Nicht doch, Rainer, jetzt übertreiben Sie aber!“
„Aber nein, keinesfalls! Babett, es ist mir eine Ehre Sie bei dieser wichtigen Aufgabe begleiten zu können!“ Mit gespielter Entrüstung wandte er sich ihr zu und zog seine Schultern nach oben.
Constantin zog für einen kurzen Moment seine Augenbrauen zusammen. Wie waren die Beiden denn drauf? Waren die betrunken? Warum siezten sie sich eigentlich? Wollten die ihn verarschen? Als der Mann sich wieder ihm zu wandte entspannte er schnell sein Gesicht zu einem leichten Lächeln.
„Wenn Sie mir bitte folgen wollen – gleich hier vorne haben wir eine Auswahl an ansprechenden Schals.“
Er drehte sich auf den Zehenspitzen und ging mit zielstrebigen Schritten zu einem Ständer gleich neben dem Eingang. Er spürte wie die Beiden ihm folgten und der Mann weiter ganz angeregt Komplimente an die alte Frau richtete, was sie mit einem Kichern quittierte. Constantin verdrehte kurz die Augen, bevor er sich ihnen wieder zu wandte.
„Sehen Sie hier die verschiedenen Modelle. Ganz Bunte, Ein- oder Zweifarbige, hier ein paar aus feinster Synthetik und da an diesem Ständer sind unsere Wollschals. Wonach suchen Sie denn?“ Fragend zog er seine Augenbrauen hoch.
Die beiden tauschten einen kurzen Blick. Sie zog langsam ihre Schultern hoch und machte ein unsicheres Gesicht.
„Tja, ich weiß auch nicht so genau … Was meinen Sie, Rainer?“
„Hmm, also wir suchen etwas Frisches, nichts Altbackenes, was Modernes halt!“
„Die Modelle hier sind alle der neueste Trend. Wir haben sie frisch zur Saison ganz neu bekommen. Sie glauben gar nicht, wie sehr die nachgefragt werden. Das Modell hier zum Beispiel“, Constantin wies auf einen grauen Synthetikschal mit blauen und grünen Wellen, „also das hier ist unser absoluter Renner!“
Er hielt der alten Frau den Schal hin. Sie griff danach und drehte ihn unentschlossen in der Hand.
„Ich weiß nicht recht. Was meinen Sie?“ Sie schaute zu dem Mann, der ihr zuzwinkerte.
„Probieren Sie ihn doch einfach mal an!“
Achselzuckend begann sie langsam ihren alten Schal von ihrem Hals zu lösen und drückte ihn dem Mann in die Hände bevor sie sich den Neuen umlegte.
„Was meinen Sie?“
„Wunderbar!“ Constantin versuchte ein einnehmendes Lächeln. Es erstarrte ihn auf den Lippen, als er den Mann brummeln hörte.
„Hmm“
Die Frau sah mit großen Augen in den Spiegel und legte den Schal mit spitzen Lippen wieder beiseite.
„Der sieht ja furchtbar aus. Ich bin doch keine Vogelscheuche!“
Beide begannen zu kichern. Constantin kam sich dumm vor. Mit eingefrorenem Lächeln hielt er ihnen das nächste Modell hin. Solche Ignoranten, waren alles die modernsten Schals mit ganz neuem Design. Aber bitte, er wäre nicht auf die Idee gekommen dieser faltigen, alten Frau diese Dinger umzuhängen!
So erging es ihm nun Modell für Modell. Doch er hatte gelernt. Bevor er etwas sagte lugte er kurz in das Gesicht des Mannes und verstärkte dessen Meinung. Er schnaubte leise. Sein Blick ging über die Schultern der Beiden und er sah seine Kolleginnen an der Kasse kichernd zu ihm hindeuten. Blöde Kühe! Sollten die mal versuchen diesem dummen Paar einen Schal zu verkaufen! Er streifte die Hände des Mannes. Zufällig, nur ganz kurz. Dabei kam ihm der alte Schal der Frau wieder in den Sinn. Mit einem schnellen Blick prüfte er das Modell. Strick. Zopfmuster. Hellbraun. Er sah zu der Frau hin, die gerade mit einem weiteren Modell beschäftigt war, dass bei Beiden erneut in Ungnade fiel. Hellbraun wie ihr Mantel. Sie kicherten. Wie albern! Egal, mit zusammengekniffenem Mund sah er erneut zu den Ständern. Lächelnd griff er nach einem neuen Schal und hielt ihn der Frau hin. Strick. Zopfmuster. Dunkelbraun. Sie wollte schon danach greifen, hielt aber in der Bewegung inne, sah zu ihrem Begleiter, zum Schal, zu Constantin und wieder zu ihrem Begleiter.
„Ja, aber...“
„Das ist der allerletzte Schrei!“, ereiferte Constantin sich.
„Aber der sieht ja fast aus wie mein alter ...“, die Worte kamen zögernd, leise über ihre Lippen.
„Tatsächlich?“, mit gespieltem Erstaunen sah Constantin zu dem alten Schal, „Das ist ja unglaublich! Da sind Sie ja sozusagen ein Trendsetter!“
„Wie meinen Sie das?“
„Naja, also diesen Schal verkaufen wir so gut. Ich habe ihn heute bestimmt schon dreimal verkauft. Die meisten Kundinnen reißen sich um die gestrickte Ware, sie glauben es ja gar nicht!“
Sie sah wieder zu dem Mann. Wieder ein aufmunterndes Augenzwinkern.
„Probieren Sie ihn doch einmal an, Babett, dann werden wir schon sehen!“
Langsam umfasste ihre Hand den Schal. Constantin hielt die Luft an und beobachtete mit angespanntem Gesicht jede Regung des Mannes.
„Steht ihnen super gut, Babett!“
Constantin atmete wieder aus, lächelnd.
„Der Herr hat Recht, ein optischer Blickfang geradezu!“
„Das ist jetzt wirklich wieder modern?“ Sie war noch nicht überzeugt.
„Wenn ich es Ihnen doch sage! Und das Dunkelbraun passt so gut zu ihrem hellen Mantel!“
Es ging noch ein wenig hin und her, aber schließlich war das Ding gekauft. Auf dem Weg zur Kasse atmete Constantin tief ein und hörbar wieder aus. Geschafft! Endlich.
Das übliche Getue wegen dem Bezahlen und natürlich bezahlte am Ende schließlich der Mann. Als die Frau ihm ihren alten Schal über den Tresen schob stutzte er kurz bevor er das Ding achselzuckend annahm. Was machte das schon, kommt am Abend eben in den großen Müllcontainer.
Mit schwungvollen Schritten und immer wieder kichernd verließ das ungleiche Paar den Laden. Constantin bedachte sie mit einem langen Blick, als seine Kollegin ihn in die Rippen stupste.
„So, so, der letzte Schrei. Heute schon dreimal verkauft...“
Mit einem breiten Grinsen hob er die Schultern.
„Naja, ich wollte vor morgen früh fertig werden. Was hättest Du denen denn erzählt?“

Montag, 19. Januar 2009

Im Esprit-Laden I


Rainer verließ mit schnellen Schritten das Café. Eine kalte Brise blies ihm entgegen. Hörbar atmete er aus. Warum musste Constanze nur immer so anstrengend sein? Er strich sich über das Gesicht, wie um die Gedanken an das Gespräch fortzuwischen. Dann sah er sich um. Er wandte seinen Kopf nach links und rechts, kniff seine Augen zusammen und runzelte die Stirn. Mit einem Mal hellte sein Gesicht sich auf, er hatte gefunden, was er suchte. Oder vielmehr: Wen er suchte. Seine Schritte beschleunigten sich, bis er nur noch wenige Meter hinter einer alten Frau herlief. Da drosselte er plötzlich sein Tempo. Was tat er hier eigentlich? Wieso lief er hinter dieser alten Dame her? Er kannte sie doch überhaupt nicht! Schnaubend sah er sich mit schnellen Blicken um. Doch dann wurde sein Blick von dem Rücken der alten Frau wieder eingefangen. Der langsam im Takt ihrer gemächlichen Schritten von hinten nach vorne wippte. Er hörte das „Klack-Klack“-Geräusch ihres Gehstocks, den sie mit festem Griff umschlossen hielt. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Später konnte er nicht erklären warum er die alte Frau angesprochen hatte, es war nicht seine Art wildfremde Menschen auf der Straße anzusprechen. Aber in diesem Moment, kurz nach 16:00 Uhr mitten in der Fußgängerzone fühlte es sich einfach richtig an. Mit einer schnellen Bewegung drängte er neben sie und räusperte sich.

„Guten Tag“. Es war nicht besonders originell, aber wie sonst sollte er eine fremde Frau ansprechen? Abgesehen davon, dass die Frauen, die er normalerweise ansprach, mindestens 50 Jahre jünger waren. Bei diesem Gedanken musste er breit Grinsen. Nur kurz, aber lang genug dass die alte Dame es wohl gesehen hatte. Sofort machte er wieder ein ernstes Gesicht. Die Frau war stehen geblieben, richtete sich auf, ihr Blick stieg langsam aus ihrem Inneren auf und sie begann ihn von oben bis unten zu mustern. Er versuchte ihrem Blick stand zuhalten, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Immer wieder wichen seine Augen ihr aus, während er mit seinem Schlüsselbund in der Jackentasche spielte. Er räusperte sich.
„Ich habe sie vorhin im Café sitzen sehen. Ich saß direkt an einem der Nachbartische. Wahrscheinlich haben sie mich überhaupt nicht bemerkt … wobei … meine Begleitung schon ziemlich laut war.“
Plötzlich lächelte die alte Dame und wackelte mit ihrem Kopf.
„Ja, ja, ich erinnere mich. Ihre Begleitung ist sehr temperamentvoll!“.
Sie ging schon wieder weiter und Rainer schlenderte neben ihr her.
„Ahm“
Es schien sie nicht zu stören, dass er neben ihr herlief und nach einer Weile brach sie wieder das Schweigen:
„Wo haben Sie sie denn gelassen?“
„Äh, wen?“ Rainer blieb kurz stehen und sah sie von der Seite an.
„Na, diese temperamentvolle junge Dame?“
„Achso, ja also, naja, wir hatten uns nur auf einen kurzen Kaffee verabredet. Nachdem wir alles geplant und organisiert haben ist jeder wieder seiner Wege gegangen.“
Wieso kam er sich auf einmal so dumm vor? Er dachte wieder an die heftige Diskussion mit Constanze und seufzte. Die Frau nickte zustimmend.
„Organisieren kann sie gut, oder?“
„Oh ja“, jetzt lächelte er, „sehr gut sogar. Ich würde fast sagen zu gut, wenn Sie mich fragen. Aber egal. Wenigstens eine in der Familie, die nie den Überblick verliert...“
„In der Familie?“
„Ja, sie ist meine Schwester.“, ein wenig affektiert fuhr er fort, „meine große Schwester! Zu dumm nur, dass sie nie bemerkt hat, dass auch ihr kleiner Bruder eines Tages erwachsen wurde.“
Die Frau lächelte und wackelte wieder wie zustimmend mit ihrem Kopf. Rainer fragte sich gerade warum er das jetzt eigentlich erzählte, als ganz beiläufig die nächste Frage kam:
„Kennen Sie Linda?“
„Wen?“ Er blieb einen Augenblick stehen und zog seine Stirn in Falten.
„Na das junge Mädchen, die mit mir im Kaffee saß. Meine Enkelin im übrigen.“
„Achso“ Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf. „Nein, das heißt sie kam mir irgendwie bekannt vor, aber mir fällt nicht ein woher.“
Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu:
„Wobei, Mädchen würde ich sie nicht mehr nennen.“
„Ach, Papperlapapp!“ Mit einer schnellen Handbewegung wischte sie seinen Einwand fort. Dann blieb sie stehen und sah ihn mit einem durchdringenden Blick an.
„Warum sind Sie mir eigentlich nach gelaufen?“
Rainer machte ein unschlüssiges Gesicht, zog die Achseln hoch und rollte ein wenig mit seinen Augen.
„Ich weiß es nicht. In dem Moment als ihre Enkelin das Café so schnell verlassen hat sahen Sie irgendwie so einsam aus. Wie sie da so langsam aufgestanden sind und bezahlt haben, naja, sie haben mir irgendwie...“, er brach ab.
„Leid getan?“ Ihre Augen blitzten einen Moment auf. Rainer seufzte und nickte.
„Ja, ich schätze das ist das Wort, wonach ich eben suchte...“
Die alte Frau zuckte mit ihren Achseln und ging wieder weiter. Rainer folgte ihr. Plötzlich blieb sie erneut stehen.
„Sagen Sie, haben Sie noch ein wenig Zeit?“
„Naja, eigentlich muss ich noch ein paar Weihnachtsgeschenke einkaufen. Habe mir extra dafür frei genommen, aber“, er seufzte und zuckte erneut mit seinen Achseln, „ich habs für heute sowieso schon aufgegeben. Wieso, was haben Sie vor?“
Sie lächelte.
„Ich brauche dringend einen neuen Schal, der alte hier ist, naja, sagen wir mal ein wenig aus der Mode gekommen...“, sie wies mit einem Kopfnicken auf den Schal, der um ihren Hals gebunden war. Soweit Rainer das beurteilen konnte schien er selbst gestrickt zu sein. Hellbraun mit Zopfmuster und Fransen an beiden Enden. Eigentlich sah er gar nicht so schlecht aus, aber bei genauerem Hinsehen konnte Rainer ein paar Löcher erkennen. Der Schal hatte wohl schon bessere Tage gesehen.
„Hmm, kein Problem – darf ich?“, mit diesen Worten bot er ihr seinen Arm an und sie hackte sich mit einem Lächeln bei ihm unter.
„Wie wäre es mit dem Esprit-Laden da vorne?“
Sie zog ihre Stirn in Falten.
„Ist der Laden nicht eher was für junge Leute?“
„Natürlich, aber wie wollen Sie einen Schal kaufen, der in Mode ist, wenn Sie in ein Null-Acht-Fünfzehn Kaufhaus gehen?“ Er lächelte sie an. Sie überlegte einen Moment bevor sie sein Lächeln erwiderte.
Am Eingang hielt sie ihn zurück.
„Ich bin Babett, nur falls uns eine dieser Verkäuferinnen ansprechen sollte.“
„Angenehm, Rainer.“ Feierlich reichte er ihr seine Hand. Sie nahm sie, schüttelte sie fest, grinste und zwinkerte ihm zu.
Nachdem sie eine Weile durch den Laden spaziert waren und über die anderen Käufer sprachen, die meisten waren weiblich und jung, kam nicht eine Verkäuferin auf sie zu, sondern ein junger Verkäufer. Er sah sehr fein, beinahe ein wenig zerbrechlich aus. Es wirkte so als würde er noch nicht lange in dem Geschäft arbeiten, wahrscheinlich fand er die Beiden auch ein wenig sonderbar, aber er gab sich die größte Mühe sie zu bedienen. Sie genossen es und stellten ihm die unmöglichsten Fragen über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle, ihre modische Bedeutung und und und. Babett schien richtigen Spaß zu haben. Immer wieder zwinkerte sie Rainer zu, während sie mit einem breiten Lächeln den Verkäufer löcherte. Rainer beobachtete wie wach das alte Gesicht plötzlich war und wie sehr es leuchtete. Sein Herz schlug ein wenig heftiger als sonst, er lächelte wie ein Honigkuchenpferd und fand, dass dies der schönste Vorweihnachtsnachmittag war, den er je erlebt hatte. Vielleicht abgesehen von ein paar wenigen in seiner Kindheit, an die er sich noch gerne zurück erinnerte.
Erstaunt stellte sie fest, dass gestrickte Schals mit Zopfmuster gerade wieder in Mode gekommen waren. Nach langem hin und her entschied sie sich für einen dunkelbraunen Schal, der ein optischer Blickfang war, wie der Verkäufer betonte, und ihr äußerst gut stand, wie ihr Rainer versicherte. Der Verkäufer schien erleichtert, als die Wahl endlich getroffen war und komplementierte sie zur Kasse. Dort gab es eine kurze, aber heftige Auseinandersetzung zwischen Rainer und ihr in Bezug darauf wer das gute Stück mit dem ausgefallenen Zopfmuster denn nun bezahlen würde. Der Verkäufer sah mit großen, hilflos wirkenden Augen von einem zum anderen und atmete erleichtert aus, als Rainer den Streit gewann und ihm seine Bankkarte über den Tresen schob. Feierlich drückte Babett dem jungen Kerl ihren alten Schal in die Hand. Der stand ein wenig bedröpelt da und folgte ihnen mit einem langen Blick, während sie lachend den Laden verließen. Im Raus gehen sah Rainer, wie die Kollegin ihm etwas ins Ohr raunte, woraufhin der junge Kerl mit den Achseln zuckte und den alten Schal unter dem Tresen verschwinden lies.